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Intermezzo mit Christina Bacher

Im Grunde ist alles Fassade, wer sollte das besser wissen als ich?

Mein Name ist Heinz, Klamotten-Heinz. Manche schmunzeln, wenn sie das hören und denken dabei an Bond, James Bond. Doch wenn sie mich genau anschauen, denken sie das nicht mehr. Ich bin ja eher schmächtig und scheu, – er – Bond – dagegen ein absoluter Macher. Das einzige, was uns verbindet, ist der Anzug: Ich habe auch einen Strellson Premium Black, fast das gleiche Modell, nur nicht kugelsicher. Ich trage ihn jedoch nur zu besonderen Gelegenheiten, beispielsweise, wenn ich meinen Hartz IV-Antrag verlängere oder ein Gespräch mit Frau Jühlke beim Jobcenter habe. Doch dazu nachher mehr. (Klamotten-Heinz I)

Die Kölner Autorin Christina Bacher hat sich mit dem Klamotten-Heinz eine Figur erdacht, die durch ihr Handeln viele Vorurteile über Wohnungslose über Bord wirft.  Heinz, der ein „OFW“ („ohne festen Wohnsitz“ im Pass hat), hat die größte Garderobe im Freundeskreis. Und da er auf der Platte keinen Stauraum hat, hat er sich einen begehbaren Kleiderschrank in einer Schrebergartenanlage eingerichtet. Hierhin zieht er sich zurück und kleidet sich je nach Gelegenheit um: Verlottertes zum Betteln, den schwarzen Anzug für Amtsbesuche. Dass er dann eines Tages auf die Idee kommt, als Edelmann im noblen Hotel Kramp aufzutauchen, um sich dort eine Nacht im warmen Bett zu erschleichen, wird er von der Polizei aufgegriffen. Doch trotz Einheitskleidung in der JVA bleibt Klamotten-Heinz seinem wichtigsten Grundsatz treu: in der Not hilft nur das „Zwiebelprinzip“ – möglichst viele Lage zum Entblättern.

Christina Bachers Beobachtungen basieren auf ihren Erfahrungen als Chefredakteurin der Obdachlosenzeitung DRAUSSENSEITER, die sie gemeinsam mit Wohnungslosen und Menschen in sozialen Schwierigkeiten macht. „Die Intermezzi zum Klamotten-Heinz sind auch für mich eine schöne Erfahrung gewesen, weil sie meine beiden Standbeine verbinden,“ sagt die 40jährige, „das literarische Schreiben und meine journalistische Tätigkeit verschmelzen in diesen Texten – ein interessantes Experiment.“ Die Zuhörer fanden das auch und gaben begeistert Applaus.

 „Guten Tag, ist die Suite noch frei?“ Erstaunt schaute mich der Mann an. Ich lächelte, zahnlos. „Genau. Ich bin der Sohn vom Chef.“ Das war jetzt ein kritischer Moment, das war mir klar. Würde er mir die Rolle abnehmen? Ich drückte den Bauch rein und die Brust raus, das weiße Hemd spannte über meinem Bauch. Wie beiläufig ließ ich meine Manschettenknöpfe aufblitzen, als ich mir mit der Hand über das gegeelte Haar fuhr. Er musterte mich immer noch durch seine trüben Brillengläser, sein Mund stand für einen kurzen Moment ungläubig offen. Dann sagte er: „Schöner Strellson, feines Stöffchen. Den gleichen trägt James Bond.“ Nicht mich hatte er also angesehen, sondern den Anzug. Er hatte weder meine gerötete Haut wahrgenommen, noch meine schlechten Zähne. Ich war jetzt Kramp, Heinz Kramp. Der Sohn vom Chef. „Das sagt mein Vater auch immer,“ grinste ich ihn an und nahm den Zimmerschlüssel, den er mir reichte. Die Nacht war gebongt. (Klamotten-Heinz II)

 

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Das Modeblog als Spiegel und Bühne

Die Kuratorin Mahret Kupka hat im Frankurter Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Draußen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode“ eingerichtet, die das Modethema aus einer interessanten Perspektive präsentiert. Ausgehend von der These, dass Mode beschreibt, wie der Mensch in seiner Zeit steht, werden in dieser Ausstellung vor allem Aspekte jenseits des Modekonsums gezeigt, die im Zusammenhang mit der angewandten Kunst auch für die Wahrnehmung von Mode als Handwerk sensibilisieren können. Die Ausstellung ist noch bis in den Januar hinein zu sehen und lohnt einen Abstecher nach Frankfurt.

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Flor de Maria
https://www.flordemariafashion.com/

Die Frage, was Mode heute ist und auf welche Weise wir Mode wahrnehmen bzw. auch diskutieren, ist ein wichtiger Impuls für die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin, die für zahlreiche Zeitungen und Magazine wie Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Texte zur Kunst schreibt. Die 33jährige promoviert derzeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Thema “Das Modeblog als Spiegel und Bühne der Selbstinszenierung”. Im Rahmen der Tagung wird sie über ihre Forschungen zu diesem Thema sprechen. Wir haben im Vorfeld einen Text von Mahret Kupka erhalten, der schon einmal einstimmt auf ihren Impulsvortrag. Wir stellen ihn gerne an dieser Stelle komplett zur Ansicht ein.  MahretKupka_Abstract

Mahret Kupka hat nicht nur die historische Entwicklung von Mode im Blick, sondern sie wendet sich der Frage zu, wie sich die Wahrnehmung derselben im Internetzeitalter verändert hat. Der Forschungsgegenstand “Modeblog” trägt dem Rechnung. Kupka schreibt: “Mode wird in diesem Zusammenhang verstanden als symbolischer Wert, der einem Kleidungsstück zugesprochen wird. Mode an sich ist formlos und inhaltsleer. Sie wird erst sichtbar in ihrer Relation zu den Dingen, die als nicht modisch gelten. Mode beschreibt die Grenze zu dem Anderen.”

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Lebensstil und Identität

Foto: Helena Wimmer

Eines der Hauptthemen des Journalisten und Buchautors Robert Misik ist die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen. Dabei beobachtet der Publizist durchaus auch mit Witz und Ironie Phänomene wie modische Trends und den gern zitierten Lifestyle seiner Generation. Was wir in seinem Impulsvortrag zur “Globalisierten Mode” erwarten können, hat er in einem kurzen Abstract skizziert.

Wenn wir shoppen, kaufen wir nicht nur Güter ein, wir kaufen uns vor allem einen Lebensstil zusammen. Weniger die sachliche, sondern vor allem die emotionale Seite der Waren wird nachgefragt. Moderne Gesellschaften zerfallen in Lebensstil-Gemeinschaften, deren Mitglieder sich vor allem durch die Güter unterscheiden, die sie konsumieren, durch Stil und Positionsgüter. All das gilt nicht nur für materielle Waren, sondern auch für immaterielle Erlebnisse. Die werbekritische Attitüde, dass dies den Menschen nur eingeredet und suggeriert werde, greift zu kurz. Die Konsumenten wissen über die Suggestion, und gerade deshalb fragen sie sich nach. Je wirksamer die Suggestion, desto besser das Produkt. Das verändert den Kapitalismus. Nicht nur gibt es eine Ökonomisierung der Kultur, sondern eben auch eine Kulturalisierung der Ökonomie. Doch dass wir mit den Waren, die wir konsumieren, unseren Lifestyle, unser Ich, unseren emotionalen Stil konstituieren, ist eine Erkenntnis, die durchaus etwas Erschreckendes an sich hat: Was ist denn noch “Ich” in uns, wenn der Kapitalismus unerbittlich in die engsten Nischen unseres privaten, zwischenmenschlichen und emotionalen Lebens eindringt? Wollen wir wirklich nur die Summe der von uns konsumierten “Identity Goods” sein?

Robert Misik (47) lebt in Wien. Er schreibt für eine Vielzahl deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften, darunter Der Falter (Wien), Der Standard, die Berliner Zeitung, die tageszeitung, Der Freitag, Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung. Er betreibt den wöchentlichen Videoblog “FS Misik” und bloggt. Er wurde u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. Er ist Autor mehrerer Bücher, etwa “Genial dagegen. Kritischen Denken von Marx bis Michael Moore”. Besonders spannend für das Thema der Tagung ist sein 2007 im Aufbau-Verlag veröffentlichtes Werk “Das Kultbuch. Glanz und Elend der Kommerzkultur.”

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Schleiergeschichten

Verhüllen und Enthüllen. Die Impulse, die von den großformatigen Fotoarbeiten der Künstlerin Sarah Westphal ausgehen, akzentuieren die Kunstwerke der Mittelalter-Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums auf besondere Art und Weise. Nicht nur die Nahaufnahme von Stoffen und Faltungen hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Auch das subtile Spiel zwischen Abdecken und Sichtbarmachen ist faszinierend. Die auf den Fotos als Stillleben inszenierten Objekte regen die Sinne an.

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Karin Rottmann war mit einer Gruppe Frauen des muslimischen Bildungswerkes in der Ausstellung unterwegs. Für die Teilnehmerinnen war es eine spannende Erfahrung, sich mit dem Thema “Schleier” intensiver auseinanderzusetzen. Und so entstanden eine ganze Reihe persönlicher Texte dazu. Das Parallelgedicht “Avenidas”, welches der großartige Dichter Eugen Gomringer verfasst hat, wurde im kreativen Schreibprozess zu einer Blaupause, die jede der Frauen mit ihren eigenen Erfahrungen zum Thema “Verhüllen” anfüllen konnte.

Braut
Braut und Schleier
Schleier
Schleier und Schönheit

Braut
Braut und Schönheit
Braut und Schleier und Schönheit und
ein Bräutigam

in Türkisch:

gelin
gelin ve duvak
duvak
duvak ve güzellik

gelin
gelin ve güzellik
gelin ve duvak ve güzellik ve
bir damat

Auch ein berührendes Elfchen-Gedicht entstand bei dem Besuch der Mittelalter-Abteilung:

Tod
kalt Sarg
unter der Erde
es wird nicht bleiben
Sonne

Zum Abschluss kam das Museumsgraffiti wieder zum Einsatz – hier als interessante Variante zu den bekannten Feedbackmethoden. Ein Wort für die Erfahrungen, die die Teilnehmerinnen während des gemeinsamen Besuchs im Museum gemacht hatten, sollte mittels textiler Schnüre auf den Boden gelegt werden. Da verdichten sich die Gedanken, die beim Betrachten der Bilder angeregt wurden zu einer einzigen pointierten Aussage – in deutsch und in arabisch.

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Kind, wie siehst du nur aus?

Foto von Diana Weis: Simone Gilges

Wer kennt den Satz aus der Überschrift nicht?! Auch wenn man nicht der Punkszene oder einer sonstigen Subkultur anghörte, so war es doch immer schon der “Job” von jungen Heranwachsenden, sich über das Äußere von den Eltern abzusetzen. Diana Weis, studierte Theaterwissenschaftlerin und Dozentin der Modesoziologie aus Berlin, beschäftigt sich wissenschaftlich mit Mode, Schönheitsnormen, Körperbildern und Körpergestaltung als Zeitgeistphänomene. Sie schreibt für für diverse Zeitungen und Magazine und unterrichtet die Fächer Ästhetik, Modesoziologie und Körperkultur & Zeitgeist an der Universität Hamburg  sowie Modetheorie an der AMD Berlin. In Kooperation mit dem Berliner Archiv der Jugendkulturen gab Diana Weis 2012 den Band “Cool Aussehen. Mode & Jugendkulturen” heraus, in dem sich verschiedenen Autoren mit den Stil-Codes jugendlicher Subkulturen und deren Einfluss auf den modischen Mainstream befassen.

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Foto: Diana Weis

Um schon mal einen Ausblick auf das Thema ihres Impulsvortrages zu geben, hat Diana Weis folgenden Text geschickt:

Jugendkulturen sind ästhetische Phänomene. Sie haben die explosive Wirkungsmacht der Mode intuitiv erfasst und für sich nutzbar gemacht. Die Mode des Mainstreams ist fester Bezugspunkt jugendkultureller Styles, die nicht selten als deren Antithese oder Zerrbild fungieren, wobei intuitiv radikale ästhetische Praktiken wie Dada und Surrealismus zum Einsatz kommen. Auf der anderen Seite zehrt die Mode-Industrie von der innovativen Kraft der Jugendkulturen. Kaum ein Designer zwischen Mailand und New York, dessen Entwürfe ohne ein Zitat „von der Straße“ auskommen. So werden vormals marginalisierte Jugendliche zu Trendsettern stilisiert, von deren Glaubwürdigkeit und bedingungsloser Wildheit man sich gerne etwas ausborgt. Längst sind die globalisierten Produktionswege so effektiv, dass jede noch so obskure Errungenschaft der Jugendmode bereits binnen weniger Wochen als wohlfeile Massenware erhältlich ist. Die Tendenz zur Ausdifferenzierung in verschiedene Style Tribes, welche sich durch die Her- und Zurichtung des Körpers optisch auf den ersten Blick als „Interessengemeinschaft“ zu erkennen geben, fand über die Jugendkulturen Eingang in die Gesamtbevölkerung und lässt sich mittlerweile in fast allen Alters- und Einkommensgruppen beobachten. Die grundsätzliche Verhandelbarkeit von Identität ist in allen Jugendkulturen angelegt und trägt zu deren Anziehungskraft bei.

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Kleidung gibt Würde

Auf welche Weise Kleidung mit der Würde eines Menschen verbunden ist, erkennt man in den Fotos von Gefangenen aus dem Zuchthaus in Siegburg, die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 angefertigt wurden. Das NS-Dokumentationszentrum präsentiert in seiner Ausstellung diese für die Häftlingskartei gedachten Bilder. Sie zeigen die Männer als Brustbild, mit nacktem Oberkörper. Beim Betrachten fällt einem die perfide Wirkung auf, welche die Nazis damit erreichten. Einerseits erzielte diese Prozedur eine Erniedrigung und Entwürdigung der Gefangenen, andererseits wurden die Fotografierten sofort als wehrlose Opfer erkennbar gemacht. Hier kommt einem besonders der Kontrast zu den üppig dekorierten Uniformen ins Gedächtnis, mit denen die Nationalsozialisten ihre Machtstellung gerne demonstrierten.

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Im NS-Dokumentationszentrum hat Birgit Kloppenburg von der Museumsschule Köln nun ein hochspannendes Experiment initiiert. Jugendliche haben sich intensiv mit der Biografie der Dargestellten beschäftigt und ihnen anschließend Kleidung zugeordnet. Sie sozusagen neu eingekleidet! Aus einem Fundus konnten die Schülerinnen und Schüler den ehemaligen Gefangenen Hosen, Jacken, Schuhe oder Hüte zuordnen. Durch ihr Tun entstand ein berührender Prozess: die Jugendlichen geben den Opfern auf diese Weise ihre Würde zurück: Sie verändern das Bild, das die Nazis von den Gefangenen hinterlassen hatten.

Wir freuen uns, dass einer der Beteiligten eingewilligt hat, hier sein Projekt zu veröffentlichen. Die oben zu sehende Abbildung zeigt die Inszenierung von Kleidung, Foto und Texten, die Oliver Rey für Louis Napoleon Gymnich erstellt hat.

Folgenden Text hat er über den Dargestellten geschrieben:
Am 08. 08. 1902 wurde Louis Napoleon Gymnich in Opladen geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Schon früh wurde er Leiter bei Karstadt in Hamburg. 1928 wech-selte er zu Leonard Tietz und wurde Abteilungsleiter in Elberfeld und Ludwigshafen. 1930 wurde er selbstständig, übernahm drei Drogerien von seinem Vater und war von nun an als Kaufmann und Besitzer für mehrere Drogerien zuständig.
Gymnich war Sympathisant der KPD und vielleicht auch Mitglied. Am 22. 06. 1936 wurde er in seiner Drogerie verhaftet und ins EL-DE-Haus gebracht. Später wurde er in das KZ Bu-chenwald überstellt. Nach der Befreiung durch die Amerikaner entschied er sich für ein Leben im östlichen Teil Deutschlands. Am 12. 04. 1981 starb Gymnich.

In einem kurzen Interview hat Birgit Kloppenburg den Schüler zu seinem Projekt befragt:
Was hast du gemacht?
Ich habe den Gestapo-Gefangenen Kleidung zugeordnet, die sie in ihrem früheren Alltagsleben getragen haben könnten.

Warum hast du das gemacht? / Kannst du die Auswahl der Kleider begründen?
Die Wahl der Kleidung habe ich getroffen aufgrund der Informationen, die in Akten über die Gefangenen dokumentiert sind. Da sind zum Beispiel Berufe genannt. Die Berufstätigen konnte ich mit anderen aus der Zeit vergleichen und die Kleidung zuordnen.
[Birgit Kloppenburg merkt an, dass die Schüler ihre Vergleichsbeispiele hier entnehmen konnten: August Sander: Menschen des 20. Jahrhunderts, z. B. Bd. 2: Der Handwerker. Sander hatte in erster Linie während der Zeit der Weimarer Republik fotografiert, sein Werk umfasst aber Fotos von 1892 bis 1952. In Band 2 finden sich Fotos von Schmieden, Schlossern, Laboranten, Kommu-nistischen Führern, „Geistesarbeitern des Proletariats“,…]

Bist du zufrieden mit der Auswahl der Kleider? Hättest du gerne andere Kleidungsstücke benutzt?
Ich bin zufrieden mit meiner Auswahl, weil ich Passendes aus der Kleidung, die ich zur Verfügung hatte, heraus gesucht habe.

Wie ging es dir bei der Zuordnung der Kleider? Hast du ein gutes Gefühl gehabt? Hast du gedacht, dass du die Demütigung von früher wieder gutmachen kannst? Oder hattest du das Gefühl, dass man das heute gar nicht mehr gutmachen kann?
Ich glaube, ich konnte den Gedemütigten wieder eine Identität zurück geben, so dass man sich an sie nicht nur als Gefangene der Gestapo erinnert, sondern auch als seriöse und nicht bloßgestellte Menschen.

Besonders schön ist es, dass die von den Schülerinnen und Schülern erstellten Installationen (Kleiderständer, Kleidung, Foto, ggf. handschriftliche Biografie) in der Ausstellung verbleiben werden. So sehen die Besucher des NS-Dokumentationszentrum dann nicht mehr nur das Bild eines entkleideten und dadurch gedemütigten Mannes, sondern sie sehen die Person hinter dem Opfer.

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Totenkopf und Schmetterling

Anhänger mit Amor und Totenkopf, Deutschland oder Frankreich, um 1665-1700 © MAKK, Foto: Martin Klimas

Mode ist auch Ausdruck von Schönheit und dem Bedürfnis danach. Dieser Aspekt spielt vor allem beim Schmuck eine zentrale Rolle. In der Ausstellung “Boys get skulls and girls get butterflies” kann man sich mit der Frage nach Modeerscheinungen durch die Jahrhunderte auseinanderzusetzen. Der außergewöhnliche Ausstellungstitel geht auf ein Zitat des Tattookünstlers Scott Campbell zurück, der über den Einsatz von Motiven in seiner Branche philosophierte. Dieser Genderaspekt lohnt einer weiteren Betrachtung und liefert zusätzliche Impulse für die Diskussion von fashion@society.

Doch zunächst entführt die Ausstellungsarchitektur Besucher in die geheimnisvolle Welt der Schmuckkünstler und man entdeckt nicht nur die Preziosen der hinreißenden Schmucksammlung des Museums für Angewandte Kunst sondern auch die Arbeiten des international renommierten Goldschmieds Georg Hornemann. In insgesamt acht Themenkreisen werden historische Schmuckstücke den faszinierenden Entwürfen Hornemanns gegenübergestellt: “Memento mori” – “Flora und Fauna” – “Ornament und Design” – “Menagerie” – “Form und Gestalt” – “Schau mich an!” – “Magie des Kreises” – “Die Macht des Zeichens”.

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Visierhelmring mit Schädel, Düsseldorf 2008 © Georg Hornemann, Foto: Martin Klimas

Mit Dr. Romana Breuer besuchte dieser Tage eine Gruppe unserer Partnerschule des Berufskollegs Humboldstraße die Ausstellung. Gemeinsam ging man der Frage nach der Objektsprache von Schmuck nach. Die Ausstellung dokumentiert die die Vorliebe für bestimmte Schmuckformen und – motive durch die Jahrhunderte und durch die  thematische Gliederung wurde klar, dass klassische Motive wiederholt und epochenübergreifende Neuinterpretationen erfahren haben. Totenkopfmotive ebenso wie zarte Schmetterlinge. Die Schülerinnen kamen aus dem Staunen nicht heraus und waren überrascht über die vielen Querverbindungen der spektakulären Motive. Mit Skizzenblock und Zeichenstift wurden erste Ideen für eigene Schmuckentwürfe umrissen, die im Unterricht weiter konkretisiert und umgesetzt werden sollen und auf der Tagung in einer Modenschau gezeigt werden sollen.

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Christina Bacher liest Geschichten vom Klamotten-Heinz

(C) Foto: Hanna Witte

Heute wollen wir ein besonderes Intermezzo vorstellen, mit welchem die Impulsvorträge zum Thema “Inklusion und Exklusion” gerahmt werden. Die Autorin Christina Bacher wird aus ihren eigens für die Tagung geschriebenen Geschichten vom Klamotten-Heinz lesen. Wer ist der Klamotten-Heinz und warum sollten wir Geschichten über ihn auf einer Tagung zum Thema “Mode” lesen, mag sich jetzt so mancher gefragt haben?!

Kleider machen Leute! Christina Bacher weiß das nur allzu gut. Sie arbeitet nämlich als verantwortliche Redakteurin für den Draussenseiter, Kölns Straßenzeitung. Hier sammelt sie gemeinsam in einem Team mit Wohnungslosen viele Geschichten rund um das Leben auf der Straße. Und lernt natürlich die Beteiligten in all ihren Facetten kennen – auch und vor allem, wie sie ihren Alltag bewältigen. Und dass dazu auch die Frage nach der passenden Kleidung eine Rolle spielt, kann man sich gut vorstellen. Meist geht es um praktische Dinge wie vernünftige Schuhe oder wärmende Pullover. Aber es gibt auch äußerst berührende Geschichten, wie eben die vom Klamotten-Heinz, der sich zu besonderen Gelegenheiten richtig schick macht .

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(C) Foto: OASE Archiv

Die Oase, Träger des Draussenseiter, betreibt auch eine Kleiderkammer. In einem Spendenaufruf ist dort gelistet, was am dringendsten gebraucht wird: Männerbekleidung in Form von Unterwäsche, Socken, Hosen, Jacken, T-Shirts, Pullover, Mützen, Handschuhe, Schals, Bademäntel, Jogging- und Schlafanzüge, Schuhe … Allein schon diese Liste lässt erahnen, welche Rolle die Kleidung im Leben derer spielt, die kaum noch eigenen Besitz haben. Diese Thematik auch einmal aus der persönlichen Sicht von Betroffenen zu hören, ist die Idee hinter Bachers Kurzgeschichte, auf die wir uns schon ganz besonders freuen.

Christina Bacher ist nach Lehr- und Wanderjahren in Kaiserlautern, Marburg, Bonn, Prag, und Montpellier in Köln gelandet. Als Journalistin und Autorin betreibt sie seither „Bachers Büro“, eine Schmiede für Texte aller Art. Von hier aus macht sie PR und Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Veranstaltungen und schreibt für diverse Zeitungen. Als Koautorin der bekannten Kinder- und Jugendkrimireihe „Bolle und die Bolzplatzbande“ des Hessischen Rundfunks – nun erschienen in Buchform – geht sie seit 2008 regelmäßig auf Lesereise. Sie lebt mit ihrer Familie in Kölns kleinstem Stadtteil Mauenheim.

Seit August 2012 ist sie Stipendiatin des Kulturamts Kölns im Scriptorium der Antoniterkirche.

 

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Barbara Vinken über Mode

Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der  Ludwig-Maximilians-Universität München und Flaubert-Spezialistin. Mode spielt in ihrer Forschung eine zentrale Rolle und aktuell veröffentlichte sie mit “Angezogen. Das Geheimnis der Mode” eine “kluge wie unterhaltsame Betrachtung über das Phänomen “Mode”. In einer Ankündigung dazu heißt es: “Sobald eine Mode vergessen ist und damit nicht mehr altmodisch wirkt, (…), kann sie zum letzten Schrei wachgeküsst werden. Man hat deswegen von der Tyrannei der Mode gesprochen, die aus dem Blauen heraus ihre Launen diktiert. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich Mode als ein Spiel nach Regeln – und als ein differenziertes Zeichensystem im historischen Wandel.”

In einem Zeit-Interview hat Prof. Vinken darüber gesprochen, welche Tragweite Mode im Hinblick auf das Rollenverständnis in unserer Gesellschaft hat. Mode habe ihr auch erlaubt, sich als Frau in einer männerdominierten Welt wie der Wissenschaft zu behaupten. Ihr Impulsvortrag trägt den Titel “Fast Fashion” – wir dürfen gespannt sein auf ihre interessanten Gedanken zum System Mode. Ein kleiner Einblick in das weitgefächerte Forschungsgebiet von Barbara Vinken macht Lust auf mehr. Der Titel ihres Impulsvortrags lautet: Mode: Eine orientalische Kolonie im Herzen der Moderne!!

CV Vinken Aktuell Kurzversion (30.06.2013)

ElisabethHackspielMikosch

Expertentalk: Faszination Uniform

Foto: Fabian Brennecke

Neben zahlreichen Impulsvorträgen wird die Tagung auch mit Expertentalks die Diskussion um Mode, Kleidung und ihre sozialen Bezüge anstoßen. Mit Prof. Elisabeth Hackspiel-Mikosch stellen wir heute eine erste Expertin vor, die für ein solches Gespräch zur Verfügung steht. Die Kunsthistorikerin ist Professorin für Modetheorie mit Schwerpunkt Kulturgeschichte der Bekleidung und an der AMD Akademie Mode & Design, Fachbereich Design der Hochschule Fresenius. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersucht sie die soziokulturelle und kulturhistorische Bedeutung von Bekleidung und Mode. Schwerpunkte ihrer Forschung liegen in der Genderforschung, Uniformen und Uniformität, der zeremoniellen Funktion höfischer Kleidung im 18. Jahrhundert, sowie der Verschränkung von Technik und Design und dem interkulturellem Transfer von Design und Mode. Ferner gilt ihr besonderes Interesse der sozialen Verantwortung und den Nachhaltigkeitsstrategien im Bereich Design und Mode. Prof. Hackspiel-Mikosch unterrichtet Ästhetik,  Modetheorie, Theoriebildung, Grundlagen und Theorie der Gestaltung,  Mode- und Designgeschichte sowie Wissenschaftliches Arbeiten.

Zum Einlesen hat Prof. Hackspiel-Mikosch uns schon einmal eine kurze Einführung in das Thema “Uniform” zugesandt. Hier zeigt sich, wie vielfältig sich dieses diskutieren lässt und wir freuen uns schon sehr auf den Expertentalk mit ihr.

Auch wenn man es nicht gerne zugibt, so übt die Uniform doch auch heute noch eine besondere Faszination aus, sowohl auf Frauen als auch auf Männer. Wie sonst kann man sich die Begeisterung der Schützen und Karnevalsgarden für ihre Uniformen erklären? Unternehmen im Servicebereich kleiden ihre Mitarbeiter zunehmend in Uniformen, um das  Image der Firmen zu kommunizieren. Die meisten deutschen Länder statten zurzeit ihre Polizei mit neuen blauen Uniformen aus, die eine so ganz andere Wirkung ausstrahlen als die grüne Vorgängeruniform. Wie wirken Uniformen nach innen, also auf den Träger, und wie nach außen, auf den Betrachter? Welche Assoziationen verbinden wir mit der Uniform? Welche Geschlechterbilder transportieren die Uniformen? Warum treten Popstars gerne in Fantasie-Uniformen auf der Bühne auf? Wieso und auf welche Weise dienen Uniformen immer wieder als Inspirationsquelle für die Mode? Die Erörterung dieser und anderer Fragen in der Sektion „Faszination Uniform“ versprechen eine lebhafte Diskussionsrunde.

Ein Auszug aus der Publikationsliste von Prof. Hackspiel-Mikosch gibt noch weitere Impulse, sich mit dem Thema zu beschäftigen:

Mode und Uniform – Mode im Military Style, in: Börste, Norbert u. Eggenstein, Georg: Die Tanzhusaren 1813, 1913, 2013, Ausstellungskatalog, Krefeld: Museum Burg Linn, 2013  S. 84-99

Vom bürgerfreundlichen Grün zum respekteinflößenden Blau. Paradigmenwechsel der deutschen Polizeiuniformen“, in: Wiggerich, Sandro (Hrsg.): Staat Macht Uniform. Uniformen als Zeichen staatlicher Macht im Wandel, Tagung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Stuttgart: Franz Steiner 2011 , S. 99-123

Die Theorie der Uniform – zur symbolischen Kommunikation einer männlichen Bekleidungsform am Beginn der Moderne“, in: Holenstein, André; Meyer Schweizer, Ruth, Weddigen, Tristan (Hrsg.): Zweite Haut, Berner Universitätsschriften, Band 54, Bern-Stuttgart-Wien: Haupt 2010, S. 65-89

Uniforms and the Creation of Ideal Masculinity”, in: McNeil, Peter (Hrsg.): The Men’s Fashion Reader, New York-Oxford: Berg 2009, S. 117-129

Hackspiel-Mikosch, Elisabeth / Haas, Stefan (Hrsg.): Die zivile Uniform als symbolische Kommunikation – Kleidung zwischen Repräsentation, Imagination und Konsumption in Europa vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart: Franz Steiner 2006

Nach Rang und Stand. Deutsche Ziviluniformen im 19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Deutsches Textilmuseum Krefeld 2002

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