Rückblick auf zwei Tage voller Mode im Museum

Die Tagung fashion@society liegt schon wieder einige Zeit hinter uns und wir haben uns ein wenig Zeit gelassen, um alles noch einmal zusammenzufassen. Das soll jetzt nachgeholt werden.

Es waren insgesamt 120 Besucher an zwei Tagen im Kulturquartier am Neumarkt, um sich in unterschiedlichen Formaten angeregt über Mode auszutauschen. Sieben großartige Vorträge gaben dazu Impulse, acht Talks mit ausgewiesenen Experten lieferten Gesprächsstoff und in fünf Workshops konnte man aktiv zu einzelnen Themen arbeiten. Mit über 30 Projektpräsentationen wurde ein weiter Bogen gespannt zu der museumspädagogischen Arbeit in den Kölner Museen und insgesamt fünf Führungen brachten Einblicke in laufende Ausstellungen mit dem Focus „Mode“ und „Textilien“.

Eine Fotostrecke gibt die Atmosphäre vor Ort wieder und zeigt – als kleine Spielerei – auch hier und da ein bisschen Museumsfashion!

Mit der inhaltlichen Struktur in verschiedene Themenkomplexe haben wir richtig gelegen, denn so konnte im Wechsel von Impulsvortrag, auflockernden Intermezzi und intensiveren Expertentalks die Fülle der Informationen und Anregungen in verträglichen Dosen serviert werden.

Impulsvorträge
Eine gute Nachricht für all diejenigen, die es nicht zur Tagung geschafft haben: es gibt Video-Mitschnitte aller Impulsvorträge und auch für uns vom Orga-Team wird es eine Freude sein, wenn wir uns das noch einmal in Ruhe anhören können. Mit den eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Museumskolleginnen sowie Journalistinnen und Journalisten entstand ein komplexes Bild von der Bedeutung von Mode – quer durch alle Gesellschaftsschichten, Kulturen und Zeiten.

Im Block „Konsum und Entschleunigung“ berichtete Diana Weis vom Archiv der Jugendkulturen über die Subkulturen junger Menschen und wie diese die jeweilige Mode beeinflussen. Eine ihrer interessanten Thesen ankte sich um die Vorstellung vom „Kaputtsein als Chiffre“. Sie zeigte als Beispiel dafür den Rüpelsänger Pete Doherty, der zu einem gefragten Model wurde, weil die Modebranche plötzlich den Kokain-Chic entdeckte.
Bei Wiebke Jessen erhielten die Zuhörer Einblick in die Lebenswelten der Jugendlichen. Für die Teilnehmer erwies sich letzten Endes die Milieustudie an den Stellen als besonders spannend, wo es um die bildungsfernen Schichten handelt – eine Klientel, zu der man so gut wie gar keinen Zugang hat. Und so wurde hier besonders interessiert aus dem Publikum nachgefragt.

Die Sektion „Inklusion und Exklusion“ brachte die historische Dimension von Mode zur Sprache. Die viel besprochene Ausstellung zur Mode der NS-Zeit, die von Claudia Gottfried für das Rheinische Industriemuseum eingerichtet wurde, zeigt sehr deutlich, welche Machtmechanismen auch über Mode transportiert wurden. Dass die Inszenierung durch Mode auch schon in früheren Zeiten ein bewusstes Mittel der Herrschenden war, führte Barbara Vinken dann in ihrem Beitrag aus.

Am nächsten Tag wurde in der Sektion „Global und glokal“ der Fokus zunächst auf Modephänomene in aller Welt gelegt. Teimaz Shahverdi berichtete von seiner Arbeit mit Modemachern aus aller Herren Länder, die in interessanten Laborsituationen am Weltkulturen-Museum mit der Sammlung arbeiten konnten. Robert Misik formulierte anschließend in seinem Impuls erst einmal das Tagungsmotto um – aus Mode trifft Museum wurde bei ihm Ware trifft Kunst. Interessant auch seine Gedanken zu modischen Klischees und deren Herkunft aus der Kultur.

Der Schlusspunkt der Tagung in der Sektion „Gender und Ästhetik“ beleuchtete die Verwendung von Symbolen und Zeichen in der Modesprache. Im Interview mit der Modeschöpferin Eva Gronbach diskutierte Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, über die Deutschlandfahne, Bergmanns-Uniformen und den Kölner Dom. All diese Motive fanden Verwendung in der Kollektion der Designerin.

Mahret Kupka beschäftigt sich mit Modeblogs und hinterfragte in ihrem Vortrag die Relevanz dieser Flut immer neuer Selbstdarstellungen im Netz. In ihrer Präsentation skizzierte sie die verschiedenen Kreise von Influencern der Branche über ironische Kommentierungen eines übertriebenen Hype bis zur Thematik der Entstehung interessanter neuer Communities.

Intermezzi
Die Impulsvorträge wurden jeweils gerahmt von kleinen Unterbrechungen der kreativen Art. Neben Tanz und Modenschauen gab es kleine Filmbeiträge und eine Lesung. Ob eine afrikanische Frauengruppe mit den Festtagsgewändern aus ihren Herkunftsländern oder die anrührenden Geschichten von Klamotten-Heinz – die Intermezzi waren unterhaltsam, bunt und lieferten zusätzliche inhaltliche Facetten.

 

Expertentalks
Da unsere Vorträge dazu gedacht waren, kurze prägnante Gedankenimpulse zu geben, haben wir unterschiedliche Experten zusätzlich in Talkrunden gebeten. Hier konnten Lenka Petzold und Annika Cornelissen ihre Idee einer Klamottenkur mit dem Publikum diskutieren und Eva Gronbach in ihrem Mode-Bewusst-Sein die Teilnehmer zu ganz persönlichen Statements zum Thema Mode bewegen.

Im Gespräch mit Sabine Dengel präsentierte Elisabeth-Mikosch ihre Untersuchungen zur Uniform. Deren Schnitt folgte zum Beispiel ganz bestimmten Absichten der Inszenierung von Körperformen. Das Publikum verfolgte besonders gespannt die Entwicklungsstufen der Polizei-Uniformen, welche auch bestimmte politische Botschaften transportieren sollen. Die Uniform spiegelt sich auch in diversen historischen Moden – aus diesem Grund lud man früher beispielsweise junge Offiziere gerne zu gesellschaftlichen Ereignissen.

Rita Wagner entführte die Teilnehmer in ihrem Talk zu einer Zeitreise ins alte Köln. Hierbei konnte man sozusagen live nachvollziehen, welche Hebel in Bewegung gesetzt werden mussten, wenn man sich ein Kleidungsstück schneidern lassen wollte. Köln war damals wichtigster Handelsplatz für kostbare Stoffe und es gab zahlreiche Dienstleistungen rund um das Thema Kleidung und Textilien. Wagner führte den Zuhörern lebendig vor Augen, wer sich damals welche Moden und Extravaganzen leisten konnte.

Auch in den Expertentalks zeigte sich die kulturelle Vielfalt des Modethemas. So berichtete Walter B. Brix darüber, welche Bedeutung bestimmte Stoffe in der Verarbeitung zu asiatischen Kesas haben. Anhand seines Demonstrationsobjektes – ein Kesa, an welchem er ein Jahr lang gearbeitet hat – machte die Handwerkskunst des Nähens haptisch nachvollziehbar.

Die Schleiergeschichten gewährten Einblick in die Perspektive einer Kopftuch tragenden Muslima. In einer Lesung von persönlichen Texten berichteten die Frauen des muslimischen Bildungswerkes von ihren Erfahrungen.  Der Unternehmer Melih Kesmen erzählte in seinem Talk über die persönlichen Hintergründe, die ihn ein Modelabel gründen ließen, welches zeitgenössisches Design mit muslimischen Motiven kombiniert. Seine Motivation war es, die muslimische Lebenswelt mit positiven Botschaften nach außen zu kommunizieren.

Workshops
Die Teilnehmer der Tagung konnten auch aktiv werden. In einer Schreibwerkstatt entstanden persönliche Texte zur Beschäftigung mit Mode. Hier wurden auch die Impulse der Tagung verarbeitet. Mit den Modesprücheklopfern entstanden kleine Kunstwerke auf Stoff und die Museumsgraffitis regten eine besondere Wahrnehmung des Museumsraumes an. Worte aus langen Fäden und Schnüren setzten besondere Akzente in den Kirchenraum des Museum Schnütgen.

Die Teilnehmer an dem Madonnen-Workshop konnten ihre eigene Ausstellung erarbeiten. Mit den Fotos aus dem Madonnen-Projekt konnten sie Bezüge zu den Kunstwerken im Museum Schnütgen herstellen, die durch intensive Gespräche mit den Projekt-Beteiligten reflektiert wurden. Auch die Muster-Expedition in das Rautenstrauch-Joest-Museum lenkte den Blick der Teilnehmenden auf die besonderen Details der Museumsobjekte.

Präsentationen
Mehr als 30 Projekte des Museumsdienstes und der Museumsschule lenkten den Blick auf die Vermittlungsarbeit. Bei der Demonstration der aufwändigen Technik eines japanischen Kimonos konnten die Teilnehmer sich über Kleidung in eine andere Kultur eindenken. Das gleiche funktionierte in einer Art Zeitreise bei der Demonstration römischer Gewänder, die nach den historischen Vorbildern originalgetreu nachgearbeitet wurden.

Über zwei Tage verteilt konnten die Teilnehmer sich auch für ihre eigene Arbeit Anregungen holen. Mode trifft Museum. Hier schloss sich der thematische Kreis der Tagung in den Projekten, die sich alle mit Mode und Textilien in den Ausstellungs-Objekten der Kölner Museen beschäftigten.

Führungen
Da eine ganze Reihe von Anschauungsmaterial direkt vor Ort in den Museen zur weiteren Beschäftigung mit den Themen der Tagung einlud, waren die Führungen in den Ausstellungen des Museums für Angewandte Kunst (Boys get skulls. Girls get butterflies), Museum Schnütgen (Seide statt Sünde), NS-Dokumentationszentraum (Was hat das Hemd mit Politik zu tun?) und Rautenstrauch-Joest-Museum (Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten; Körper als Bühne) das Sahnehäubchen auf den vielen Eindrücken.
Dieser Rückblick fasst alles zusammen, was wir während der Tagung erlebt haben. In den kommenden Tagen werden wir weitere Materialien hier sammeln, die noch mehr Eindrücke von dem Treffen von Mode und Museum vermitteln können.

 

EvaGronbach

Eva Gronbach – ein T-Shirt für die Stadt

Auf der Tagung wird ein besonderes Kleidungsstück Premiere haben. Die Designerin Eva Gronbach hat ein T-Shirt für die Stadt Köln entworfen, welches in vieler Hinsicht spannende Aspekte unseres Diskussionsprozesses zum Thema Mode berührt. Wir haben Eva Gronbach zu einem Interview getroffen.

Redaktion: Uns interessiert der Entstehungszusammenhang eines T-Shirts für die Stadt sehr. Wie kam es dazu?

Eva Gronbach: Mir liegt die Vernetzung von Verwaltung einer Stadt und den Kreativen, die dort arbeiten, sehr am Herzen. Deswegen habe ich Herrn Sommer von KölnTourismus angesprochen, ob er nicht Interesse daran hat, mit Kölner Designern zusammenzuarbeiten.  Das traf dann auf fruchtbaren Boden und wir haben uns dann zunächst intensiv ausgetauscht.

Red.: Bist du eigentlich Kölnerin?

E.G.: Ich bin in Köln geboren! Ich bin eine der wenigen in meinem Umfeld, die wirkliche Kölnerin ist. Ich bin lange im Ausland gewesen und habe dort auch meinen Horizont erweitert. Aber dann bin ich zurückgekommen.

Red.: Gab es dann sofort auch Idee, ein T-Shirt zu machen oder ging es erst einmal nur grundsätzlich um Design für Köln?

E.G.: Es ging zunächst einmal darum, etwas zu entwickeln. Eine richtige Kollektion zu entwickeln. Wir fangen jetzt mal mit dem einen T-Shirt an und wollen einfach schauen, wie wird das angenommen. Ich möchte erreichen, dass wirklich jemand, der von weit herkommt, sich mit einem Stück Köln identifiziert. Die Idee des Andenkens ist etwas sehr Berührendes, Schönes.

Red.: Wie sieht also dieses T-Shirt aus?

E.G.: Das Motiv ist der Kölner Dom! Aber der Kölner Dom von der Rückseite. Sehr interessant. Es ist eigentlich – das weiß aber nur ich, oder vielleicht kann man es sehen – es ist eigentlich der Heinrich-Böll-Platz! Mit der Philharmonie nach unten fotografiert. Links das Museum Ludwig und rechts ist dann der Dom.
Ich finde diesen Heinrich-Böll-Platz einen der sensationellsten Orte in Köln. Da findet ja Kunst statt. Im Absoluten. Du stehst auf der Philharmonie. Dann hast du diese runde Einfassung, wo die Kinder so gerne spielen. Dann ist da das Museum Ludwig mit seinen enormen Schätzen. Und dann steht da der Dom. Da ist aber auch das Alte, das Römisch-Germanische-Museum! Und der Bahnhof, der einen in die Welt bringt. Unten fließt der Rhein. Also ich liebe diesen Ort. Da ist Köln am dichtesten. Das ist tatsächlich mein Lieblingsort.
Was auch noch interessant ist: der Dom ist schwierig zu fotografieren. Zudem hat nicht jeder  direkt einen Zugang. Deswegen kam mir die Idee, auch die Philharmonie mitzunehmen, die Museen, den Bahnhof. Da kann sich jeder wiederfinden.

Köln-Shirt_Female Mode ©Stefan Stark
Foto: Stefan Stark

Red.: Die meisten würden wohl eher den Dom vom Hauptportal her aufnehmen?

E.G.: Der Dom von vorne ist ein Motiv, das unglaublich nach oben zieht und von daher einfach schwierig war.

Red.: Und da ist er ja auch erst im 19. Jahrhundert fertig geworden. Die Perspektive vom Chor her zeigt eben auch das authentische Mittelalter.

E.G. Genau, es ist das Mittelalter und er ist eher nach unten ausgerichtet. Das Bild hat diese Tiefe. Und es ist eine Nachstimmung auf diesem Bild. Es ist dunkel. Es ist grau. Es ist kölsches Wetter. Es ist nicht geschönt, sondern genauso, wie es ist.

Red.: Also für Köln adäquat. Du suchst ja auch immer – wenn ich jetzt zurückgehe zu dem, was du bisher gemacht hast. Wenn ich jetzt mal an deine Germany-Kollektion erinnere, so hast du da ja auch Motive genommen, die man sich erst einmal erarbeiten musste.

E.G.: Absolut! Emotional steht eigentlich immer bevor ich etwas angehe, auch in mir erst einmal ein Tabu, das ich überwinden muss. Also ich bin nicht hingegangen und habe einfach mal die Farben Schwarz-Rot-Gold gewählt. Sondern es war auch in mir ein innerer schwieriger Prozess. Der auch lange gedauert hat. Aber ich habe eben gemerkt, dass Schwarz-Rot-Gold eigentlich spannend ist. Das ist demokratisch. Das ist etwas Wunderbares. Wie kann ich da reingehen? Die Arbeit entwickelte sich zwischen dem Erforschen und dem Visionären in meiner Arbeit. Dieses etwas Sehen, was darin enthalten ist und dem dann nachzugehen, das ist mein kreativer Prozess.

Red.: Und damit hast du ja auch in diesem Falle einen Beitrag geliefert, etwas neu zu bewerten.

E.G. Wir sind ja hier auch auf einer Veranstaltung, bei der die politische Bildung eine wichtige Rolle spielt. Ich finde es sehr spannend, wenn das, was ich tue, auch immer in eine politische Dimension mit sich bringt.

Red.: Die Tagung fashion@society – oder Mode überhaupt – das ist noch einmal klar geworden, dass man an diesem Thema sowohl über politische als auch ästhetische Bildung diskutieren kann. Da wo die beiden ineinandergreifen sind wir schnell bei Mode.

E.G. Mode ist immer schon ein großes politisches Tool gewesen. Immer schon. Wenn man daran denkt, wie Politiker sich inszenieren. Es ist immer auch um ein Machtspiel gegangen, um eine Zugehörigkeit, ein Abgrenzen. Es hat immer auch doch eine markante große Aussage. Was ich toll finde – ich sehe uns gerade hier sitzen –es ist mittlerweile doch egal geworden, wie man sich anzieht. Das gilt vor allem auch in der Frage, wie ziehen sich Männer an, wie ziehen sich Frauen an. In erster Linie darf man heute auch Bequemlichkeit leben. Heute darf man alles tragen. Also zumindest bei uns.

Red.:  Was ich auch noch spannend finde: das Material hat ja für dich auch eine ganz besondere Bedeutung. Ich denke da an deine Bergmannsstoff-Kollektion, die ja auch vorgefundene Materialien verwendet  – wie ein Künstler, der mit ready mades arbeitet. Ein Material also, das eine besondere Geschichte und Bedeutung mitbringt. Wie sieht das mit dem T-Shirt aus. Hast du dir da auch Gedanken über das Material gemacht?

E.G.: Auf jeden Fall!! Man kann eigentlich sagen, dass in jedem Produkt, was ich mache. Durch das Material inspiriert ist. Ich liebe Stoffe. Und man kann heute nicht mehr anders arbeiten, als nachhaltig zu produzieren. Da steckt in jedem Produkt die Überlegung drin, es mit möglichst wenig Energieverbraucht herzustellen. Ob es um den Versandweg geht, um die Verpackung etc. Und gerade bei diesem T-Shirt ist es so, dass man das auch wirklich spürt. Es ist super weich. Fast wie Seide. Obwohl es Baumwolle ist. Es ist das schönste T-Shirt, was ich bisher hatte.

Red.: T-Shirts sind ein Mode-Thema, das du häufig bearbeitest?

E.G.: T-Shirts sind für mich ein ganz wichtiges Thema.

Red.: Ich erinnere mich, dass du ja auch mal mit Schülern im Museum für Angewandte Kunst ein T-Shirt gestaltet hast. Überhaupt hast du ja einige Projekte im Museum gemacht. Wenn wir jetzt sagen: Mode trifft Museum  – du hast auch eine Ausstellung damals im MAKK kuratiert. Mode trifft Museum – wo wird es da für dich als Designerin spannend?

E.G.: Ich finde halt, dass Mode absolut ins Museum gehört. Museum ist ja sozusagen das gesellschaftliche Auge, der Raum, wo Dinge erhoben werden. Diese Erhebung, die will ich nicht nur durch meine Arbeit zeigen. Auch wenn ich andere Designer sehe,  dann wird mir bewusst, dass Mode als Mega-Ventil  der Gesellschaft in ihrer Entwicklung und auch in den Produkten ins Museum gehört.
Nicht jeder Designer ist ein Künstler, aber die Produkte, die entstehen, darin steckt so viel an Information, an historischen, politischen und gesellschaftlichen Tendenzen. Ich hatte das Glück, als Kuratorin zu arbeiten und da den Blick der Besucher sozusagen nachzuempfinden.
Die Arbeit mit den Kindern, das ist auch ein wichtiger aktiver Austausch und eine pädagogische Anleitung im Museum finde ich großartig. Dass das Lernen nicht nur in der Schule stattfindet. Das ist für mich eigentlich das Größte, wenn Menschen sich seelisch, geistig weiterentwickeln mit der Kunst im Museum.

Red.: Und das Thema Modedesign ist ja gerade bei jungen Menschen so dankbar.  Es steckt viel Anregung drin. Da braucht es nicht viel Überredung, dass sie sich da wiederfinden. Man sucht besonders als junger Mensch seinen Ausdruck über die Mode.

E.G.: Wenn du in die Pubertät kommst – eigentlich auch schon früher – dann ist das reine Energie, was man mit Mode darstellen kann. Welche Farben will ich nehmen, wie fühle ich mich mit Farben? In welchen Stoffen fühle ich mich wohl? Werde ich gesehen? Will ich überhaupt gesehen werden? Das Ganze, was Kleidung ausmacht! Es spielt auch Sexualität eine wichtige Rolle. Weil man jemand besonders erfolgreich findet und dem nacheifern will. Es ist ja enorm, was über Mode alles ausgedrückt werden kann.
Mach eine Modenschau, und es gucken alle hin. Ob ich es jetzt gut finde, oder nicht. Aber es ist eine bestimmte Erwartung, die Mode schürt. Es hat so viel zu tun, mit dem Fokus auf das, was kommt. Mit Zukunft. Diese Idee des Modeschöpfers gefällt mir. Dieses Kreieren der Zukunft. Das ist jedes Mal ein magischer Moment.

Red.: Abschließend: Was erwartest du, was wünschst du dir von der Tagung?

E.G.: Ich wünsche mir, dass die Menschen mit offenem Herzen kommen und uns mit einer positiven Selbstreflexion wieder verlassen. Also dass wir inspirieren.
Das  Museum erhebt, die Politik entscheidet und verwaltet und die Kreativen gestalten. Wenn das zusammen funktioniert, wenn man sich gegenseitig zuhört, dann kann etwas Neues entstehen. Und das ist gelebte Demokratie, das ist ein Traum. Das sehe ich in meiner Arbeit, dass das funktioniert. Es ist sehr hilfreich, dass man sich zuhört. Es geht sehr um die Sache. Ich denke, die Tagung ist eine Chance, dass man da weitermacht.
Hier kann Köln auch Vorreiter sein. Köln ist die Stadt mit der höchsten Gründungsrate in Deutschland. Sie sind nicht so gut darin, die Leute auch zu halten. Aber immerhin passiert hier viel. Und das ist die Chance, wenn wir hier gemeinsam mit Schülern, mit Lehrern mit Multiplikatoren aufmachen und inspirieren … vielleicht auch andere Städte. Ich glaube, das ist gut, was wir hier machen.

Red.: Vielen Dank für das Gespräch!

Hier kann man einmal quer durch die Kollektion von Eva Gronbach blättern!
EvaGronbach_Presentation_09_07

Die Kölner Designerin Eva Gronbach ist mit ihren Kollektionen zu einer festen Institution der Modebranche geworden. Stationen ihrer Karriere sind  das Institut supérieur des arts visuels La Cambre  in Brüssel wo sie Stylisme et Création de la Mode studierte Am Institut Français de la Mode in Paris wurde die Jungdesignerin mit dem Master of Arts ausgezeichnet. Danach arbeitete Eva Gronbach u.a. bei Stephen Jones, Yohji Yamamoto, John Galliano und Hermès. Ihre Kollektion „Déclaration d’amour à l’Allemagne“ aus dem Jahr 2000 ist ein Beispiel für Mode, die sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt und zum Diskurs anregt. 2008 engagierte die Bundeszentrale für politische Bildung Eva Gronbach im Rahmen des Festivals „ECHT! – Politik im freien Theater“ für das Design von Accessoires.  Die Kollektion “german jeans“  verwendet  Eva Gronbach gebrauchte Bergmannanzüge und entwickelt so eine Hommage an die Arbeiter des Ruhrgebietes. Eva Gronbach unterrichtet an der Köln International School of Design (KISD) u.a. zum „Transformationsprozess in Modedesign“ und leitete Eva Gronbach Designerwerkstätten für Schüler im Ruhrgebiet.  2004 erhielt die Designerin den „T-com inspire!award“ für ihre Kollektionen, u. a. „Déclaration d’amour à l’Allemagne“. 2005 arbeitet die Designerin als Kuratorin für das Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf. Für die Ausstellung „Generation Mode“ besuchte sie Modeschulen in 50 Ländern. Als Gastkuratorin präsentierte Eva Gronbach 2003 bei der Ausstellung „.In. Femme Fashion – 1780-2004“ im Museum für Angewandte Kunst Köln Leihgaben von Modeschöpfer und Jungdesigner.

mkupka

Das Modeblog als Spiegel und Bühne

Die Kuratorin Mahret Kupka hat im Frankurter Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Draußen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode“ eingerichtet, die das Modethema aus einer interessanten Perspektive präsentiert. Ausgehend von der These, dass Mode beschreibt, wie der Mensch in seiner Zeit steht, werden in dieser Ausstellung vor allem Aspekte jenseits des Modekonsums gezeigt, die im Zusammenhang mit der angewandten Kunst auch für die Wahrnehmung von Mode als Handwerk sensibilisieren können. Die Ausstellung ist noch bis in den Januar hinein zu sehen und lohnt einen Abstecher nach Frankfurt.

Modeblog_02

Flor de Maria
https://www.flordemariafashion.com/

Die Frage, was Mode heute ist und auf welche Weise wir Mode wahrnehmen bzw. auch diskutieren, ist ein wichtiger Impuls für die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin, die für zahlreiche Zeitungen und Magazine wie Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Texte zur Kunst schreibt. Die 33jährige promoviert derzeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Thema “Das Modeblog als Spiegel und Bühne der Selbstinszenierung”. Im Rahmen der Tagung wird sie über ihre Forschungen zu diesem Thema sprechen. Wir haben im Vorfeld einen Text von Mahret Kupka erhalten, der schon einmal einstimmt auf ihren Impulsvortrag. Wir stellen ihn gerne an dieser Stelle komplett zur Ansicht ein.  MahretKupka_Abstract

Mahret Kupka hat nicht nur die historische Entwicklung von Mode im Blick, sondern sie wendet sich der Frage zu, wie sich die Wahrnehmung derselben im Internetzeitalter verändert hat. Der Forschungsgegenstand “Modeblog” trägt dem Rechnung. Kupka schreibt: “Mode wird in diesem Zusammenhang verstanden als symbolischer Wert, der einem Kleidungsstück zugesprochen wird. Mode an sich ist formlos und inhaltsleer. Sie wird erst sichtbar in ihrer Relation zu den Dingen, die als nicht modisch gelten. Mode beschreibt die Grenze zu dem Anderen.”

tapa_caritas2

Festtagskleidung – aus einem fernen Land

Von Karin Rottmann

Eine Gruppe junger Frauen mit afrikanischem Migrationshintergrund, die sich über die Caritas-Integrationsagentur gefunden haben, sind gerade dabei, ihren Beitrag zur Tagung vorzubereiten. Sie werden ein Intermezzo als Bühnenprogramm zwischen den Vortragsblöcken zeigen und typische Festtagskleidung aus ihren Herkunftskulturen vorstellen.

tapa_caritas1

Zur Einstimmung traf sich die Gruppe, die von Rosi Loos betreut wird, mit mir in der Ausstellung „Made in Oceania“, die im Rautenstrauch-Joest-Museum noch bis zum 27.4.2014 zu sehen sein wird. Dort kann man Tapa sehen, ein textiles Material aus Rindenbast, das mit Mustern und Ornamenten bemalt und typisch für den ozeanischen Kulturraum ist. Dort haben die Stoffe ganz unterschiedliche Funktionen im Bereich des Wohnens und der Bekleidung. Ein Beispiel eines Rindenbaststoffes aus Papua (dort nennt man die Rindenbaststoffe maro) hat uns sehr beeindruckt. Neben dem Textil mit sehr schönem Doppelspiralmotiv, das heute dem Museum der Kulturen in Basel gehört, ist ein Foto zu sehen, das Paul Wirz 1926 aufgenommen hat. Man sieht die maro als Schmuck der Grabstätte. Die Trägerin des Gewandes hatte es zur Hochzeit geschenkt bekommen und, wie üblich in dieser Kultur, ihr Leben lang begleitet. „Das ist eine schöne Idee!“ „Das ist dann sehr persönlich!“ und „Das berührt mich!“ äußerten die Teilnehmerinnen.

M2

Ganz begeistert waren die jungen Frauen von der modernen Tapa-Mode, die in der Ausstellung auch zu sehen ist. Die heute in London lebende Designerin Rosanna Raymond hat samoanische Wurzeln und wurde in Neuseeland geboren. Sie greift in ihrer „RePATCHtration – Customised Levi’s“ westliche Modeelemente auf und kombiniert sie mit einem pazifischen Look. Darin sieht sie einen Ausdruck kultureller Identität, der Tradition und Moderne verbindet. Die Projektgruppe fand diesen Denkansatz sehr interessant und hat sich von Rosanna Raymond anregen lassen. Den Museumsbesuch ließen  wir in einer Werkstatt des Museums mit der Arbeit an Modeskizzen ausklingen.

tapa3

In den Wochen bis zur Tagung werden sich die Damen mit der Präsentation ihrer Festtagskleidung beschäftigen. Wir können gespannt sein, mit welchen Kreationen sie die Tagungsgäste überraschen werden.

Modeprotest Exponat1

Klamottenkur von Modeprotest

Die Designerinnen Dorle Schmidt, Lenka Petzold und Annika Cornelissen verfolgen mit der Kampagne Modeprotest die Idee, den Gewohnheitskonsum von Kleidung umzustellen. Dabei setzen die Macherinnen auf Selbstbeteiligung zum Beispiel über Aktionen wie die Klamottenkur zur Fastenzeit. In einem Expertentalk auf der Tagung werden sie von ihrer Vision eines alternativen Bekleidungssystems erzählen und laden die Teilnehmenden ein, einen Wegweiser für eine Minimal-Garderobe mit ihnen zu diskutieren. Zur Vorbereitung auf den Talk haben sie uns bereits ein paar Stichworte übermittelt, die ihren Ansatz in klaren Worten charakterisieren.

IMPULS:
Die Suche nach einer Ausdrucksform für eine materiell reduziertere Modewelt um im krassen Kontrast dem medial dauerpräsenten Konzept des „Fashion-Victims“ zu entgegnen.
 
REAKTION:
Unser Anliegen ist idealistisch und radikal aber auch individuell. Wir verändern indem wir protestierend alltäglich reduzieren und weitere Menschen anstoßen sich zu beteiligen.
 
ZIEL:
Unsere Vision ist ein alternatives Bekleidungskonzept bzw. Mode-System: Kleidung wird ökologisch und fair hergestellt, man kauft nur in dem Maße, wie man es braucht und nutzt. Weniger zu konsumieren ist unser vorrangiges Ziel.

Dorle Schmidt (Projekt-Initiatorin) ist Diplom-Designerin und selbständige Kommunikationsberaterin in Köln. Sie hat lange als Beraterin im Bereich Kreation einer Kommunikationsagentur gearbeitet und sich auf den NonProfit-Sektor spezialisiert. Sie konzipiert und gestaltet Kampagnen, Fundraising-Strategien, Kommunikationsmaterialien und Events für vielfältige Organisationen und Initiativen. Zudem ist sie als Moderation von Workshops und im Aufbau und der Leitung von mehreren Vereinen (mateno.org) und Aktionen engagiert.

Lenka Petzold M.A.(Projekt-Initiatorin, SUSTAINABLE DESIGN CENTER e.V.) ist selbständige Textil- und Integrated-Designerin aus Köln und München. Sie arbeitete als Designerin im Bereich Textil und Konzeption und fokussierte sich auf die nachhaltige Textilgestaltung. Ihre Spezialgebiete sind forschungsorientierte Designbereiche und ökologisch-motivierte Projektarbeit, wo sie sich in diversen öko-fairen Projekten um organisatorische und gestalterische Fragen kümmert.

Annika Cornelissen (sufa: sustainable fashion – Stammtisch Köln), Dipl.-Ing. Modedesignerin aus Köln hat in angestellter Tätigkeit bei einem nachhaltigen Modelabel gearbeitet und sich über diverse Weiterbildungen zum Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie etabliert.

01_Anhaenger_Totenkopf

Totenkopf und Schmetterling

Anhänger mit Amor und Totenkopf, Deutschland oder Frankreich, um 1665-1700 © MAKK, Foto: Martin Klimas

Mode ist auch Ausdruck von Schönheit und dem Bedürfnis danach. Dieser Aspekt spielt vor allem beim Schmuck eine zentrale Rolle. In der Ausstellung “Boys get skulls and girls get butterflies” kann man sich mit der Frage nach Modeerscheinungen durch die Jahrhunderte auseinanderzusetzen. Der außergewöhnliche Ausstellungstitel geht auf ein Zitat des Tattookünstlers Scott Campbell zurück, der über den Einsatz von Motiven in seiner Branche philosophierte. Dieser Genderaspekt lohnt einer weiteren Betrachtung und liefert zusätzliche Impulse für die Diskussion von fashion@society.

Doch zunächst entführt die Ausstellungsarchitektur Besucher in die geheimnisvolle Welt der Schmuckkünstler und man entdeckt nicht nur die Preziosen der hinreißenden Schmucksammlung des Museums für Angewandte Kunst sondern auch die Arbeiten des international renommierten Goldschmieds Georg Hornemann. In insgesamt acht Themenkreisen werden historische Schmuckstücke den faszinierenden Entwürfen Hornemanns gegenübergestellt: “Memento mori” – “Flora und Fauna” – “Ornament und Design” – “Menagerie” – “Form und Gestalt” – “Schau mich an!” – “Magie des Kreises” – “Die Macht des Zeichens”.

10_Ring_Schaedel

Visierhelmring mit Schädel, Düsseldorf 2008 © Georg Hornemann, Foto: Martin Klimas

Mit Dr. Romana Breuer besuchte dieser Tage eine Gruppe unserer Partnerschule des Berufskollegs Humboldstraße die Ausstellung. Gemeinsam ging man der Frage nach der Objektsprache von Schmuck nach. Die Ausstellung dokumentiert die die Vorliebe für bestimmte Schmuckformen und – motive durch die Jahrhunderte und durch die  thematische Gliederung wurde klar, dass klassische Motive wiederholt und epochenübergreifende Neuinterpretationen erfahren haben. Totenkopfmotive ebenso wie zarte Schmetterlinge. Die Schülerinnen kamen aus dem Staunen nicht heraus und waren überrascht über die vielen Querverbindungen der spektakulären Motive. Mit Skizzenblock und Zeichenstift wurden erste Ideen für eigene Schmuckentwürfe umrissen, die im Unterricht weiter konkretisiert und umgesetzt werden sollen und auf der Tagung in einer Modenschau gezeigt werden sollen.

skulls2

prof_vinken_neu

Barbara Vinken über Mode

Barbara Vinken ist Professorin für Allgemeine Literaturwissenschaft und Romanische Philologie an der  Ludwig-Maximilians-Universität München und Flaubert-Spezialistin. Mode spielt in ihrer Forschung eine zentrale Rolle und aktuell veröffentlichte sie mit “Angezogen. Das Geheimnis der Mode” eine “kluge wie unterhaltsame Betrachtung über das Phänomen “Mode”. In einer Ankündigung dazu heißt es: “Sobald eine Mode vergessen ist und damit nicht mehr altmodisch wirkt, (…), kann sie zum letzten Schrei wachgeküsst werden. Man hat deswegen von der Tyrannei der Mode gesprochen, die aus dem Blauen heraus ihre Launen diktiert. Doch bei genauerer Betrachtung entpuppt sich Mode als ein Spiel nach Regeln – und als ein differenziertes Zeichensystem im historischen Wandel.”

In einem Zeit-Interview hat Prof. Vinken darüber gesprochen, welche Tragweite Mode im Hinblick auf das Rollenverständnis in unserer Gesellschaft hat. Mode habe ihr auch erlaubt, sich als Frau in einer männerdominierten Welt wie der Wissenschaft zu behaupten. Ihr Impulsvortrag trägt den Titel “Fast Fashion” – wir dürfen gespannt sein auf ihre interessanten Gedanken zum System Mode. Ein kleiner Einblick in das weitgefächerte Forschungsgebiet von Barbara Vinken macht Lust auf mehr. Der Titel ihres Impulsvortrags lautet: Mode: Eine orientalische Kolonie im Herzen der Moderne!!

CV Vinken Aktuell Kurzversion (30.06.2013)

Interview Dr. Sabine Dengel, Bundeszentrale für politische Bildung

Style: "bpb_1"

Redaktion
Mode und politische Bildung mögen auf den ersten Blick wie zwei komplett verschiedene Welten erscheinen. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat ja bereits Erfahrung mit dem Veranstaltungsformat fashion@society. Was war der Anlass, auch auf dieser relevanten Ebene über Mode nachzudenken?

Sabine Dengel
Die Bundeszentrale für politische Bildung denkt nicht in erster Linie über Mode nach, sondern über gesellschaftspolitisch relevante Fragestellungen. Ein Beispiel dafür ist die Frage nach der sozialen Identität von Menschen oder Gruppen: Wer bin ich? Wer sind wir? Oder die Frage nach sozialer Zugehörigkeit: Wer gehört zu uns und wer nicht? Warum? Da kann man am Beispiel der Mode viel lernen. Aus der französischen Soziologie wissen wir, dass Geschmack keine reine Geschmacksfrage, sondern auch eine Frage gesellschaftlicher Zugehörigkeit und sozialer sowie ökonomischer Machtverhältnisse ist: Wer darüber entscheiden kann, welche Stile die angesagten sind, der verfügt in der Regel auch über Definitionsmacht in anderen Bereichen. Die Vermittlung von Kenntnissen über soziale Zeichensysteme wie die Mode sind heute – nach dem ‘iconic turn’ – wesentlicher Bestandteil einer kulturellen Bildung als Persönlichkeitsbildung, wie sie von der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb konzipiert wird: wir möchten zu einer kreativen Auseinandersetzung mit kulturellen Phänomenen anregen, die Berührungspunkte mit der eigenen Lebenswirklichkeit, aber auch mit politischen und gesellschaftlichen Themen haben. Angesichts der starken Bedeutung, die Ästhetik  heute für junge Menschen hat, sind Mode und Stil Themen, über die man in ein – nicht allzu langweiliges – Gespräch kommen kann.

Red.
Herr Hamann hat davon gesprochen, dass es interessant sein kann, dem engen Takt von Modephänomenen eine Konfrontation mit der Museumswelt  gut täte. Frau Rottmann sieht die Herausforderung, die eigene Museumsarbeit in Bezug auf die gesellschaftliche Relevanz zu hinterfragen. Welche Impulse erwarten Sie aus der Zusammenarbeit mit dem Museumsdienst für Ihre Arbeit?

SD
Museen sind grundsätzlich wichtige ‘Komplizen’ für die politische Bildung.  Die Beschäftigung der Museumsbesucher/innen mit den je spezifischen Artefakten – den Kulturprodukten und dem kulturellen Erbe der Gesellschaft – eröffnet Räume für die Auseinandersetzung mit gesellschaftspolitischen Grundsatzfragen, die Gegenwart und Zukunft betreffen. In dieser Hinsicht trägt die Arbeit der Museen zur Persönlichkeitsbildung sowie zur kulturellen und politischen Bildung bei. Idealerweise ermächtigt sie die Besucher/innen durch eine Beschäftigung mit den Objekten der jeweiligen Sammlungen, eine an selbstentwickelten Maßstäben orientierte Beziehung zwischen Herkunft, Gegenwart und Zukunft herzustellen. Mit dem Museumsdienst arbeitet die Bundeszentrale für politische Bildung bei fashion@society nicht zum ersten Mal zusammen. Wir kennen die Institution als eine, die ihre Vermittlerrolle, d.i. die auf die Gesellschaft bezogene Kommunikations- und Bildungsfunktion, besonders ernst nimmt und dabei kreative Wege beschreitet, an denen sich viele andere ein Beispiel nehmen können.  Wir profitieren nicht nur von der breiten Fachkenntnis der Kollegen in unserem gemeinsamen Themenfeld, der kulturellen und sozialen Dimension von Mode, sondern lernen im praktischen Bereich von den vielfältigen und überaus innovativen pädagogischen Annäherungen, die der Museumsdienst in seiner partizipativen Projektarbeit mit Jugendlichen zur Anwendung bringt.

Red.
Wenn Sie an Museumsbesuche denken, gibt es eine Ausstellung, ein Lieblingsstück, das Ihnen im Zusammenhang mit dem Thema „Mode“ besonders in Erinnerung geblieben ist?

SD
Mein Mann und ich spielen seit fast 25 Jahren bei jedem Ausstellungsbesuch ein Spiel. Jeder darf sich ein Objekt aussuchen, um es mit nach Hause zu nehmen. Und wir schmachten jedes Mal, weil das nicht leider geht. In den Modemuseen ist mein Mann in der Regel cooler als ich, weil in puncto Herrenmode weniger geboten wird. Ausstellungen der Kleider von Sissi oder Marlene Dietrich, bieten ihm Anlass über Vorträge zum Thema Magersucht, während ich mich nicht zwischen den Hochzeits- und Abendgarderoben entscheiden kann. Bei Yohji Yamamotos Dream Shop, an den sich die eine oder andere vielleicht erinnert, habe ich hemmungslos anprobiert.  Aber hauptsächlich inspirieren mich Besuche in den Modemuseen – z.B. im MoMu Antwerpen oder im Palais Galliéra Paris – zur Rückkehr an die Nähmaschine, womit ich Ihnen meinen eigenen Bezug zur Thematik verraten habe. Mir gefällt es, dass andere Länder Mode ohne Probleme der Kunst zurechnen, während sie in Deutschland mit seinem quasi religiösen Kunstverständnis noch immer zum bedeutungslos Oberflächlichen gezählt wird.

AvH
Ein Aspekt von fashion@society war ja die Auseinandersetzung mit der Jugendkultur. Da passiert ja sehr viel auf der Straße, was erst sehr viel später zur Mode werden wird. Nicht immer ist es einfach, die neuesten Trends zu verfolgen. Was würden Sie denjenigen raten, die sich da einen Überblick verschaffen wollen.

SD
Interessiert man sich für die konkreten Bezüge der Mode zum Politischen, empfiehlt es sich tatsächlich, die Streetwear genau im Auge zu behalten. Die Szenen jenseits der ‘offiziellen’ Hochglanzmode reflektieren sehr stark soziale Befindlichkeiten. Krisen und Kriege – so wird im Nachhinein nicht selten sichtbar – finden symbolischen Niederschlag in der Szene oder kündigen sich dort bereits vorher an. Sehr erhellend diesbezüglich fand ich die Ausstellung des Frankfurter MMK ‘Not in fashion’, die Modeschöpfer und -fotografen der 1990er Jahre portraitierte, die sich dem Mainstream und der herkömmlichen Ästhetik entgegenstellten, um Bezüge zur Realität und authentische Jugendkultur in ihrer Arbeit zu spiegeln. Damals ist einiges in Bewegung gekommen. Den Überblick bekommt man jedoch nur schwer. Die Lektüre des Feuilletons der NZZ oder der NZZ am Sonntag mit den Magazinen ‘Stil’ und ‘Z’, kann einen Beitrag liefern. Blogger sollten sich meines Erachtens diesen Themen stärker zuwenden, da sie zunehmend Mode- und Lifestyle-Interessierte erreichen, die sich für Bezüge zwischen Trends und Gesellschaft interessieren. Meine studentische Mitarbeiterin Lisa, die ich gefragt habe,  wie sie einen Überblick behält, meinte: „In diejenigen Viertel/Straßen/Einrichtungen gehen, wo Jugendkultur gebündelt zum Ausdruck kommt: auf dem Skateplatz, in Jugendzentren, auf Musikfestivals, in Discos, auf Conventions. Im Archiv der Jugendkulturen recherchieren. Jugendliche zu dem Thema befragen.“

Red.
Es wäre toll, wenn Sie auch bei einem kleinen Spiel mitmachen. Ich gebe Ihnen einen Begriff und Sie nennen mir Ihre erste Assoziation dazu:
Kunst - kann das weg?
Abendkleid – Dior
Jugend – Wandel und Inspiration
Museum – Endorphine
Arbeit – Freizeit
Tattoos – wie dreißig Jahre dasselbe T-Shirt tragen müssen
Schnabelschuh – ich hatte mal welche
Mann – Hedi Slimane, fast mein Jahrgang, hat auch Politik studiert
T-Shirt – bitte keine Schriftzüge
Fashion-Blog – spannend
Afrika – Kleiderspende-Problematik
Schmuck – Frühstück bei Tiffanys
Konferenz – Kontakte knüpfen

Wunderbar, das macht neugierig auf die Tagung. Wir freuen uns auf weitere Gespräche und danken Ihnen an dieser Stelle sehr herzlich fürs Mitmachen.

aus einem fernen Land

Mode aus aller Welt

In einem interessanten Artikel hat Götz Nordbruch Verein Jugendkultur, Medien und politische Bildung in der Einwanderungsgesellschaft e.V. über Islamische Mode in Deutschland geschrieben. Erschienen ist der Text bereits 2011 auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung. Für unsere Tagung eine spannender Hintergrundbericht. Denn in der Sektion “Global und glokal” wird auch die Frage nach der Funktion von Kleidung im Zusammenhang mit der Globalisierung zu stellen sein. Gleich zu kommt Nordbruch auf das Kleidungsstück zu sprechen, das vielleicht die meisten mit muslimischer Mode sofort assoziieren würden. “Kleider machen Leute, sagt man. Und so geht es auch in der öffentlichen Diskussion um den Islam in Deutschland sehr häufig um Äußerlichkeiten – darum zum Beispiel, wie einige Muslime sich kleiden und sich auf diese Weise als Muslime zu erkennen geben. An erster Stelle ist hier wohl das Kopftuch zu nennen.”

Ein weiterer Beitrag in der Sektion wird von Teimaz Shahverdi kommen, der als Kurator in Frankfurt a.M. die Ausstellung “Trading Style” konzipiert hat. Diese ist noch bis zum 27. Oktober im Weltkulturen Museum zu sehen. Für die Ausstellung wurden Vertreter von vier internationalen Modelabels eingeladen, im Weltkulturen Labor einen Dialog mit den historischen Ausstellungsobjekten der Museumssammlung zu erarbeiten. Der Impulsvortrag wird darüber berichten. Dies sind die beteiligten Labels: Buki Akib (NG), A Kind of Guise (DE), CassettePlaya (UK) und P.A.M./Perks and Mini (AU).

Für einen Expertentalk konnten wir auch Melih Kesmen den Gründer des Labels Style Islam gewinnen. Mit zahlreichen Präsentationen wie zum Beispiel der Modenschau “Aus einem fernen Land” wird diese Sektion sicher äußerst spannend gestaltet.

 

Top