Rückblick auf zwei Tage voller Mode im Museum

Die Tagung fashion@society liegt schon wieder einige Zeit hinter uns und wir haben uns ein wenig Zeit gelassen, um alles noch einmal zusammenzufassen. Das soll jetzt nachgeholt werden.

Es waren insgesamt 120 Besucher an zwei Tagen im Kulturquartier am Neumarkt, um sich in unterschiedlichen Formaten angeregt über Mode auszutauschen. Sieben großartige Vorträge gaben dazu Impulse, acht Talks mit ausgewiesenen Experten lieferten Gesprächsstoff und in fünf Workshops konnte man aktiv zu einzelnen Themen arbeiten. Mit über 30 Projektpräsentationen wurde ein weiter Bogen gespannt zu der museumspädagogischen Arbeit in den Kölner Museen und insgesamt fünf Führungen brachten Einblicke in laufende Ausstellungen mit dem Focus „Mode“ und „Textilien“.

Eine Fotostrecke gibt die Atmosphäre vor Ort wieder und zeigt – als kleine Spielerei – auch hier und da ein bisschen Museumsfashion!

Mit der inhaltlichen Struktur in verschiedene Themenkomplexe haben wir richtig gelegen, denn so konnte im Wechsel von Impulsvortrag, auflockernden Intermezzi und intensiveren Expertentalks die Fülle der Informationen und Anregungen in verträglichen Dosen serviert werden.

Impulsvorträge
Eine gute Nachricht für all diejenigen, die es nicht zur Tagung geschafft haben: es gibt Video-Mitschnitte aller Impulsvorträge und auch für uns vom Orga-Team wird es eine Freude sein, wenn wir uns das noch einmal in Ruhe anhören können. Mit den eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Museumskolleginnen sowie Journalistinnen und Journalisten entstand ein komplexes Bild von der Bedeutung von Mode – quer durch alle Gesellschaftsschichten, Kulturen und Zeiten.

Im Block „Konsum und Entschleunigung“ berichtete Diana Weis vom Archiv der Jugendkulturen über die Subkulturen junger Menschen und wie diese die jeweilige Mode beeinflussen. Eine ihrer interessanten Thesen ankte sich um die Vorstellung vom „Kaputtsein als Chiffre“. Sie zeigte als Beispiel dafür den Rüpelsänger Pete Doherty, der zu einem gefragten Model wurde, weil die Modebranche plötzlich den Kokain-Chic entdeckte.
Bei Wiebke Jessen erhielten die Zuhörer Einblick in die Lebenswelten der Jugendlichen. Für die Teilnehmer erwies sich letzten Endes die Milieustudie an den Stellen als besonders spannend, wo es um die bildungsfernen Schichten handelt – eine Klientel, zu der man so gut wie gar keinen Zugang hat. Und so wurde hier besonders interessiert aus dem Publikum nachgefragt.

Die Sektion „Inklusion und Exklusion“ brachte die historische Dimension von Mode zur Sprache. Die viel besprochene Ausstellung zur Mode der NS-Zeit, die von Claudia Gottfried für das Rheinische Industriemuseum eingerichtet wurde, zeigt sehr deutlich, welche Machtmechanismen auch über Mode transportiert wurden. Dass die Inszenierung durch Mode auch schon in früheren Zeiten ein bewusstes Mittel der Herrschenden war, führte Barbara Vinken dann in ihrem Beitrag aus.

Am nächsten Tag wurde in der Sektion „Global und glokal“ der Fokus zunächst auf Modephänomene in aller Welt gelegt. Teimaz Shahverdi berichtete von seiner Arbeit mit Modemachern aus aller Herren Länder, die in interessanten Laborsituationen am Weltkulturen-Museum mit der Sammlung arbeiten konnten. Robert Misik formulierte anschließend in seinem Impuls erst einmal das Tagungsmotto um – aus Mode trifft Museum wurde bei ihm Ware trifft Kunst. Interessant auch seine Gedanken zu modischen Klischees und deren Herkunft aus der Kultur.

Der Schlusspunkt der Tagung in der Sektion „Gender und Ästhetik“ beleuchtete die Verwendung von Symbolen und Zeichen in der Modesprache. Im Interview mit der Modeschöpferin Eva Gronbach diskutierte Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, über die Deutschlandfahne, Bergmanns-Uniformen und den Kölner Dom. All diese Motive fanden Verwendung in der Kollektion der Designerin.

Mahret Kupka beschäftigt sich mit Modeblogs und hinterfragte in ihrem Vortrag die Relevanz dieser Flut immer neuer Selbstdarstellungen im Netz. In ihrer Präsentation skizzierte sie die verschiedenen Kreise von Influencern der Branche über ironische Kommentierungen eines übertriebenen Hype bis zur Thematik der Entstehung interessanter neuer Communities.

Intermezzi
Die Impulsvorträge wurden jeweils gerahmt von kleinen Unterbrechungen der kreativen Art. Neben Tanz und Modenschauen gab es kleine Filmbeiträge und eine Lesung. Ob eine afrikanische Frauengruppe mit den Festtagsgewändern aus ihren Herkunftsländern oder die anrührenden Geschichten von Klamotten-Heinz – die Intermezzi waren unterhaltsam, bunt und lieferten zusätzliche inhaltliche Facetten.

 

Expertentalks
Da unsere Vorträge dazu gedacht waren, kurze prägnante Gedankenimpulse zu geben, haben wir unterschiedliche Experten zusätzlich in Talkrunden gebeten. Hier konnten Lenka Petzold und Annika Cornelissen ihre Idee einer Klamottenkur mit dem Publikum diskutieren und Eva Gronbach in ihrem Mode-Bewusst-Sein die Teilnehmer zu ganz persönlichen Statements zum Thema Mode bewegen.

Im Gespräch mit Sabine Dengel präsentierte Elisabeth-Mikosch ihre Untersuchungen zur Uniform. Deren Schnitt folgte zum Beispiel ganz bestimmten Absichten der Inszenierung von Körperformen. Das Publikum verfolgte besonders gespannt die Entwicklungsstufen der Polizei-Uniformen, welche auch bestimmte politische Botschaften transportieren sollen. Die Uniform spiegelt sich auch in diversen historischen Moden – aus diesem Grund lud man früher beispielsweise junge Offiziere gerne zu gesellschaftlichen Ereignissen.

Rita Wagner entführte die Teilnehmer in ihrem Talk zu einer Zeitreise ins alte Köln. Hierbei konnte man sozusagen live nachvollziehen, welche Hebel in Bewegung gesetzt werden mussten, wenn man sich ein Kleidungsstück schneidern lassen wollte. Köln war damals wichtigster Handelsplatz für kostbare Stoffe und es gab zahlreiche Dienstleistungen rund um das Thema Kleidung und Textilien. Wagner führte den Zuhörern lebendig vor Augen, wer sich damals welche Moden und Extravaganzen leisten konnte.

Auch in den Expertentalks zeigte sich die kulturelle Vielfalt des Modethemas. So berichtete Walter B. Brix darüber, welche Bedeutung bestimmte Stoffe in der Verarbeitung zu asiatischen Kesas haben. Anhand seines Demonstrationsobjektes – ein Kesa, an welchem er ein Jahr lang gearbeitet hat – machte die Handwerkskunst des Nähens haptisch nachvollziehbar.

Die Schleiergeschichten gewährten Einblick in die Perspektive einer Kopftuch tragenden Muslima. In einer Lesung von persönlichen Texten berichteten die Frauen des muslimischen Bildungswerkes von ihren Erfahrungen.  Der Unternehmer Melih Kesmen erzählte in seinem Talk über die persönlichen Hintergründe, die ihn ein Modelabel gründen ließen, welches zeitgenössisches Design mit muslimischen Motiven kombiniert. Seine Motivation war es, die muslimische Lebenswelt mit positiven Botschaften nach außen zu kommunizieren.

Workshops
Die Teilnehmer der Tagung konnten auch aktiv werden. In einer Schreibwerkstatt entstanden persönliche Texte zur Beschäftigung mit Mode. Hier wurden auch die Impulse der Tagung verarbeitet. Mit den Modesprücheklopfern entstanden kleine Kunstwerke auf Stoff und die Museumsgraffitis regten eine besondere Wahrnehmung des Museumsraumes an. Worte aus langen Fäden und Schnüren setzten besondere Akzente in den Kirchenraum des Museum Schnütgen.

Die Teilnehmer an dem Madonnen-Workshop konnten ihre eigene Ausstellung erarbeiten. Mit den Fotos aus dem Madonnen-Projekt konnten sie Bezüge zu den Kunstwerken im Museum Schnütgen herstellen, die durch intensive Gespräche mit den Projekt-Beteiligten reflektiert wurden. Auch die Muster-Expedition in das Rautenstrauch-Joest-Museum lenkte den Blick der Teilnehmenden auf die besonderen Details der Museumsobjekte.

Präsentationen
Mehr als 30 Projekte des Museumsdienstes und der Museumsschule lenkten den Blick auf die Vermittlungsarbeit. Bei der Demonstration der aufwändigen Technik eines japanischen Kimonos konnten die Teilnehmer sich über Kleidung in eine andere Kultur eindenken. Das gleiche funktionierte in einer Art Zeitreise bei der Demonstration römischer Gewänder, die nach den historischen Vorbildern originalgetreu nachgearbeitet wurden.

Über zwei Tage verteilt konnten die Teilnehmer sich auch für ihre eigene Arbeit Anregungen holen. Mode trifft Museum. Hier schloss sich der thematische Kreis der Tagung in den Projekten, die sich alle mit Mode und Textilien in den Ausstellungs-Objekten der Kölner Museen beschäftigten.

Führungen
Da eine ganze Reihe von Anschauungsmaterial direkt vor Ort in den Museen zur weiteren Beschäftigung mit den Themen der Tagung einlud, waren die Führungen in den Ausstellungen des Museums für Angewandte Kunst (Boys get skulls. Girls get butterflies), Museum Schnütgen (Seide statt Sünde), NS-Dokumentationszentraum (Was hat das Hemd mit Politik zu tun?) und Rautenstrauch-Joest-Museum (Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten; Körper als Bühne) das Sahnehäubchen auf den vielen Eindrücken.
Dieser Rückblick fasst alles zusammen, was wir während der Tagung erlebt haben. In den kommenden Tagen werden wir weitere Materialien hier sammeln, die noch mehr Eindrücke von dem Treffen von Mode und Museum vermitteln können.

 

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