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Intermezzo mit Christina Bacher

Im Grunde ist alles Fassade, wer sollte das besser wissen als ich?

Mein Name ist Heinz, Klamotten-Heinz. Manche schmunzeln, wenn sie das hören und denken dabei an Bond, James Bond. Doch wenn sie mich genau anschauen, denken sie das nicht mehr. Ich bin ja eher schmächtig und scheu, – er – Bond – dagegen ein absoluter Macher. Das einzige, was uns verbindet, ist der Anzug: Ich habe auch einen Strellson Premium Black, fast das gleiche Modell, nur nicht kugelsicher. Ich trage ihn jedoch nur zu besonderen Gelegenheiten, beispielsweise, wenn ich meinen Hartz IV-Antrag verlängere oder ein Gespräch mit Frau Jühlke beim Jobcenter habe. Doch dazu nachher mehr. (Klamotten-Heinz I)

Die Kölner Autorin Christina Bacher hat sich mit dem Klamotten-Heinz eine Figur erdacht, die durch ihr Handeln viele Vorurteile über Wohnungslose über Bord wirft.  Heinz, der ein „OFW“ („ohne festen Wohnsitz“ im Pass hat), hat die größte Garderobe im Freundeskreis. Und da er auf der Platte keinen Stauraum hat, hat er sich einen begehbaren Kleiderschrank in einer Schrebergartenanlage eingerichtet. Hierhin zieht er sich zurück und kleidet sich je nach Gelegenheit um: Verlottertes zum Betteln, den schwarzen Anzug für Amtsbesuche. Dass er dann eines Tages auf die Idee kommt, als Edelmann im noblen Hotel Kramp aufzutauchen, um sich dort eine Nacht im warmen Bett zu erschleichen, wird er von der Polizei aufgegriffen. Doch trotz Einheitskleidung in der JVA bleibt Klamotten-Heinz seinem wichtigsten Grundsatz treu: in der Not hilft nur das „Zwiebelprinzip“ – möglichst viele Lage zum Entblättern.

Christina Bachers Beobachtungen basieren auf ihren Erfahrungen als Chefredakteurin der Obdachlosenzeitung DRAUSSENSEITER, die sie gemeinsam mit Wohnungslosen und Menschen in sozialen Schwierigkeiten macht. „Die Intermezzi zum Klamotten-Heinz sind auch für mich eine schöne Erfahrung gewesen, weil sie meine beiden Standbeine verbinden,“ sagt die 40jährige, „das literarische Schreiben und meine journalistische Tätigkeit verschmelzen in diesen Texten – ein interessantes Experiment.“ Die Zuhörer fanden das auch und gaben begeistert Applaus.

 „Guten Tag, ist die Suite noch frei?“ Erstaunt schaute mich der Mann an. Ich lächelte, zahnlos. „Genau. Ich bin der Sohn vom Chef.“ Das war jetzt ein kritischer Moment, das war mir klar. Würde er mir die Rolle abnehmen? Ich drückte den Bauch rein und die Brust raus, das weiße Hemd spannte über meinem Bauch. Wie beiläufig ließ ich meine Manschettenknöpfe aufblitzen, als ich mir mit der Hand über das gegeelte Haar fuhr. Er musterte mich immer noch durch seine trüben Brillengläser, sein Mund stand für einen kurzen Moment ungläubig offen. Dann sagte er: „Schöner Strellson, feines Stöffchen. Den gleichen trägt James Bond.“ Nicht mich hatte er also angesehen, sondern den Anzug. Er hatte weder meine gerötete Haut wahrgenommen, noch meine schlechten Zähne. Ich war jetzt Kramp, Heinz Kramp. Der Sohn vom Chef. „Das sagt mein Vater auch immer,“ grinste ich ihn an und nahm den Zimmerschlüssel, den er mir reichte. Die Nacht war gebongt. (Klamotten-Heinz II)

 

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Kleidung gibt Würde

Auf welche Weise Kleidung mit der Würde eines Menschen verbunden ist, erkennt man in den Fotos von Gefangenen aus dem Zuchthaus in Siegburg, die von den Nationalsozialisten zwischen 1933 und 1945 angefertigt wurden. Das NS-Dokumentationszentrum präsentiert in seiner Ausstellung diese für die Häftlingskartei gedachten Bilder. Sie zeigen die Männer als Brustbild, mit nacktem Oberkörper. Beim Betrachten fällt einem die perfide Wirkung auf, welche die Nazis damit erreichten. Einerseits erzielte diese Prozedur eine Erniedrigung und Entwürdigung der Gefangenen, andererseits wurden die Fotografierten sofort als wehrlose Opfer erkennbar gemacht. Hier kommt einem besonders der Kontrast zu den üppig dekorierten Uniformen ins Gedächtnis, mit denen die Nationalsozialisten ihre Machtstellung gerne demonstrierten.

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Im NS-Dokumentationszentrum hat Birgit Kloppenburg von der Museumsschule Köln nun ein hochspannendes Experiment initiiert. Jugendliche haben sich intensiv mit der Biografie der Dargestellten beschäftigt und ihnen anschließend Kleidung zugeordnet. Sie sozusagen neu eingekleidet! Aus einem Fundus konnten die Schülerinnen und Schüler den ehemaligen Gefangenen Hosen, Jacken, Schuhe oder Hüte zuordnen. Durch ihr Tun entstand ein berührender Prozess: die Jugendlichen geben den Opfern auf diese Weise ihre Würde zurück: Sie verändern das Bild, das die Nazis von den Gefangenen hinterlassen hatten.

Wir freuen uns, dass einer der Beteiligten eingewilligt hat, hier sein Projekt zu veröffentlichen. Die oben zu sehende Abbildung zeigt die Inszenierung von Kleidung, Foto und Texten, die Oliver Rey für Louis Napoleon Gymnich erstellt hat.

Folgenden Text hat er über den Dargestellten geschrieben:
Am 08. 08. 1902 wurde Louis Napoleon Gymnich in Opladen geboren. Er studierte Germanistik, Philosophie und Theaterwissenschaften. Schon früh wurde er Leiter bei Karstadt in Hamburg. 1928 wech-selte er zu Leonard Tietz und wurde Abteilungsleiter in Elberfeld und Ludwigshafen. 1930 wurde er selbstständig, übernahm drei Drogerien von seinem Vater und war von nun an als Kaufmann und Besitzer für mehrere Drogerien zuständig.
Gymnich war Sympathisant der KPD und vielleicht auch Mitglied. Am 22. 06. 1936 wurde er in seiner Drogerie verhaftet und ins EL-DE-Haus gebracht. Später wurde er in das KZ Bu-chenwald überstellt. Nach der Befreiung durch die Amerikaner entschied er sich für ein Leben im östlichen Teil Deutschlands. Am 12. 04. 1981 starb Gymnich.

In einem kurzen Interview hat Birgit Kloppenburg den Schüler zu seinem Projekt befragt:
Was hast du gemacht?
Ich habe den Gestapo-Gefangenen Kleidung zugeordnet, die sie in ihrem früheren Alltagsleben getragen haben könnten.

Warum hast du das gemacht? / Kannst du die Auswahl der Kleider begründen?
Die Wahl der Kleidung habe ich getroffen aufgrund der Informationen, die in Akten über die Gefangenen dokumentiert sind. Da sind zum Beispiel Berufe genannt. Die Berufstätigen konnte ich mit anderen aus der Zeit vergleichen und die Kleidung zuordnen.
[Birgit Kloppenburg merkt an, dass die Schüler ihre Vergleichsbeispiele hier entnehmen konnten: August Sander: Menschen des 20. Jahrhunderts, z. B. Bd. 2: Der Handwerker. Sander hatte in erster Linie während der Zeit der Weimarer Republik fotografiert, sein Werk umfasst aber Fotos von 1892 bis 1952. In Band 2 finden sich Fotos von Schmieden, Schlossern, Laboranten, Kommu-nistischen Führern, „Geistesarbeitern des Proletariats“,…]

Bist du zufrieden mit der Auswahl der Kleider? Hättest du gerne andere Kleidungsstücke benutzt?
Ich bin zufrieden mit meiner Auswahl, weil ich Passendes aus der Kleidung, die ich zur Verfügung hatte, heraus gesucht habe.

Wie ging es dir bei der Zuordnung der Kleider? Hast du ein gutes Gefühl gehabt? Hast du gedacht, dass du die Demütigung von früher wieder gutmachen kannst? Oder hattest du das Gefühl, dass man das heute gar nicht mehr gutmachen kann?
Ich glaube, ich konnte den Gedemütigten wieder eine Identität zurück geben, so dass man sich an sie nicht nur als Gefangene der Gestapo erinnert, sondern auch als seriöse und nicht bloßgestellte Menschen.

Besonders schön ist es, dass die von den Schülerinnen und Schülern erstellten Installationen (Kleiderständer, Kleidung, Foto, ggf. handschriftliche Biografie) in der Ausstellung verbleiben werden. So sehen die Besucher des NS-Dokumentationszentrum dann nicht mehr nur das Bild eines entkleideten und dadurch gedemütigten Mannes, sondern sie sehen die Person hinter dem Opfer.

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Christina Bacher liest Geschichten vom Klamotten-Heinz

(C) Foto: Hanna Witte

Heute wollen wir ein besonderes Intermezzo vorstellen, mit welchem die Impulsvorträge zum Thema “Inklusion und Exklusion” gerahmt werden. Die Autorin Christina Bacher wird aus ihren eigens für die Tagung geschriebenen Geschichten vom Klamotten-Heinz lesen. Wer ist der Klamotten-Heinz und warum sollten wir Geschichten über ihn auf einer Tagung zum Thema “Mode” lesen, mag sich jetzt so mancher gefragt haben?!

Kleider machen Leute! Christina Bacher weiß das nur allzu gut. Sie arbeitet nämlich als verantwortliche Redakteurin für den Draussenseiter, Kölns Straßenzeitung. Hier sammelt sie gemeinsam in einem Team mit Wohnungslosen viele Geschichten rund um das Leben auf der Straße. Und lernt natürlich die Beteiligten in all ihren Facetten kennen – auch und vor allem, wie sie ihren Alltag bewältigen. Und dass dazu auch die Frage nach der passenden Kleidung eine Rolle spielt, kann man sich gut vorstellen. Meist geht es um praktische Dinge wie vernünftige Schuhe oder wärmende Pullover. Aber es gibt auch äußerst berührende Geschichten, wie eben die vom Klamotten-Heinz, der sich zu besonderen Gelegenheiten richtig schick macht .

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(C) Foto: OASE Archiv

Die Oase, Träger des Draussenseiter, betreibt auch eine Kleiderkammer. In einem Spendenaufruf ist dort gelistet, was am dringendsten gebraucht wird: Männerbekleidung in Form von Unterwäsche, Socken, Hosen, Jacken, T-Shirts, Pullover, Mützen, Handschuhe, Schals, Bademäntel, Jogging- und Schlafanzüge, Schuhe … Allein schon diese Liste lässt erahnen, welche Rolle die Kleidung im Leben derer spielt, die kaum noch eigenen Besitz haben. Diese Thematik auch einmal aus der persönlichen Sicht von Betroffenen zu hören, ist die Idee hinter Bachers Kurzgeschichte, auf die wir uns schon ganz besonders freuen.

Christina Bacher ist nach Lehr- und Wanderjahren in Kaiserlautern, Marburg, Bonn, Prag, und Montpellier in Köln gelandet. Als Journalistin und Autorin betreibt sie seither „Bachers Büro“, eine Schmiede für Texte aller Art. Von hier aus macht sie PR und Öffentlichkeitsarbeit, organisiert Veranstaltungen und schreibt für diverse Zeitungen. Als Koautorin der bekannten Kinder- und Jugendkrimireihe „Bolle und die Bolzplatzbande“ des Hessischen Rundfunks – nun erschienen in Buchform – geht sie seit 2008 regelmäßig auf Lesereise. Sie lebt mit ihrer Familie in Kölns kleinstem Stadtteil Mauenheim.

Seit August 2012 ist sie Stipendiatin des Kulturamts Kölns im Scriptorium der Antoniterkirche.

 

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Mode und Propaganda

Mit einem Impulsvortrag wird Claudia Gottfried vom LVR-Industriemuseum die Inklusions- und Exklusionsprozesse während des NS-Regimes vorstellen. Dies ist ein Schwerpunkt der Ausstellung “Glanz und Grauen“, die zur Zeit an verschiedenen Standorten des LVR-Industriemuseums gezeigt wird. Claudia Gottfried studierte Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft  und Pädagogik an den Universitäten Bielefeld und Osnabrück und ist seit Januar 2008 Leiterin des Schauplatz Ratingen des LVR-Industriemuseums. Dort betreut sie den Aufbau Sammlungsbereichs Textil- und Bekleidung. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Rheinische Wirtschafts- und Sozialgeschichte des 18. und 19. Jahrhunderts, Geschichte des Bürgertums und Kulturgeschichte der Bekleidung vom 18. – 20. Jahrhundert.

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Der Impulsvortrags wird einen speziellen Fokus haben. Sie schreibt dazu:
Alle kennen die Bilder von den perfekt uniformierten Jugendlichen der HJ und des BDM, die in den unzähligen Propagandabildern der NS-Zeit verbreitet wurden. Ebenso bekannt ist, dass die Uniform wichtigstes Kennzeichen der Zugehörigkeit zu den Parteiorganisationen war, deren Nutzung auch genauestens reglementiert war. Bei genauerer Untersuchung stellt man allerdings fest, dass die Perfektion eine Illusion war, viele Jugendliche sich diese Ausstattung gar nicht leisten konnten bzw. viele Teile wegen des Mangels im Krieg gar nicht mehr verfügbar waren. Der Beitrag geht zunächst der Frage nach, was die Jugendlichen tatsächlich getragen haben. Im zweiten Schritt wird gezeigt wie und mit welchen Mitteln mit diesen Mängeln umgegangen wurde und wie sie zur Inklusion und Exklusion in die „Volksgemeinschaft“ instrumentalisiert werden konnte.

 

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Expertentalk: Faszination Uniform

Foto: Fabian Brennecke

Neben zahlreichen Impulsvorträgen wird die Tagung auch mit Expertentalks die Diskussion um Mode, Kleidung und ihre sozialen Bezüge anstoßen. Mit Prof. Elisabeth Hackspiel-Mikosch stellen wir heute eine erste Expertin vor, die für ein solches Gespräch zur Verfügung steht. Die Kunsthistorikerin ist Professorin für Modetheorie mit Schwerpunkt Kulturgeschichte der Bekleidung und an der AMD Akademie Mode & Design, Fachbereich Design der Hochschule Fresenius. In ihrer wissenschaftlichen Arbeit untersucht sie die soziokulturelle und kulturhistorische Bedeutung von Bekleidung und Mode. Schwerpunkte ihrer Forschung liegen in der Genderforschung, Uniformen und Uniformität, der zeremoniellen Funktion höfischer Kleidung im 18. Jahrhundert, sowie der Verschränkung von Technik und Design und dem interkulturellem Transfer von Design und Mode. Ferner gilt ihr besonderes Interesse der sozialen Verantwortung und den Nachhaltigkeitsstrategien im Bereich Design und Mode. Prof. Hackspiel-Mikosch unterrichtet Ästhetik,  Modetheorie, Theoriebildung, Grundlagen und Theorie der Gestaltung,  Mode- und Designgeschichte sowie Wissenschaftliches Arbeiten.

Zum Einlesen hat Prof. Hackspiel-Mikosch uns schon einmal eine kurze Einführung in das Thema “Uniform” zugesandt. Hier zeigt sich, wie vielfältig sich dieses diskutieren lässt und wir freuen uns schon sehr auf den Expertentalk mit ihr.

Auch wenn man es nicht gerne zugibt, so übt die Uniform doch auch heute noch eine besondere Faszination aus, sowohl auf Frauen als auch auf Männer. Wie sonst kann man sich die Begeisterung der Schützen und Karnevalsgarden für ihre Uniformen erklären? Unternehmen im Servicebereich kleiden ihre Mitarbeiter zunehmend in Uniformen, um das  Image der Firmen zu kommunizieren. Die meisten deutschen Länder statten zurzeit ihre Polizei mit neuen blauen Uniformen aus, die eine so ganz andere Wirkung ausstrahlen als die grüne Vorgängeruniform. Wie wirken Uniformen nach innen, also auf den Träger, und wie nach außen, auf den Betrachter? Welche Assoziationen verbinden wir mit der Uniform? Welche Geschlechterbilder transportieren die Uniformen? Warum treten Popstars gerne in Fantasie-Uniformen auf der Bühne auf? Wieso und auf welche Weise dienen Uniformen immer wieder als Inspirationsquelle für die Mode? Die Erörterung dieser und anderer Fragen in der Sektion „Faszination Uniform“ versprechen eine lebhafte Diskussionsrunde.

Ein Auszug aus der Publikationsliste von Prof. Hackspiel-Mikosch gibt noch weitere Impulse, sich mit dem Thema zu beschäftigen:

Mode und Uniform – Mode im Military Style, in: Börste, Norbert u. Eggenstein, Georg: Die Tanzhusaren 1813, 1913, 2013, Ausstellungskatalog, Krefeld: Museum Burg Linn, 2013  S. 84-99

Vom bürgerfreundlichen Grün zum respekteinflößenden Blau. Paradigmenwechsel der deutschen Polizeiuniformen“, in: Wiggerich, Sandro (Hrsg.): Staat Macht Uniform. Uniformen als Zeichen staatlicher Macht im Wandel, Tagung der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, Stuttgart: Franz Steiner 2011 , S. 99-123

Die Theorie der Uniform – zur symbolischen Kommunikation einer männlichen Bekleidungsform am Beginn der Moderne“, in: Holenstein, André; Meyer Schweizer, Ruth, Weddigen, Tristan (Hrsg.): Zweite Haut, Berner Universitätsschriften, Band 54, Bern-Stuttgart-Wien: Haupt 2010, S. 65-89

Uniforms and the Creation of Ideal Masculinity”, in: McNeil, Peter (Hrsg.): The Men’s Fashion Reader, New York-Oxford: Berg 2009, S. 117-129

Hackspiel-Mikosch, Elisabeth / Haas, Stefan (Hrsg.): Die zivile Uniform als symbolische Kommunikation – Kleidung zwischen Repräsentation, Imagination und Konsumption in Europa vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Stuttgart: Franz Steiner 2006

Nach Rang und Stand. Deutsche Ziviluniformen im 19. Jahrhundert, Ausstellungskatalog, Deutsches Textilmuseum Krefeld 2002

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Was hat das Hemd mit Politik zu tun?

Gestern habe ich Barbara Kirschbaum im NS-Dokumentationszentrum besucht. Sie ist in den letzten Zügen der Vorbereitung einer spannenden Ausstellung zur Kleidung in der NS-Zeit und hat mir schon einige Details verraten und erste Objekte gezeigt. Vorab: das wird eine sehr sehenswerte Ausstellung, die zudem mit vielen interaktiven Stationen aufwarten kann. Ein Ansatz, der das Bewusstsein für die Wirkung von Kleidung, ihre Bedeutung für die Inklusion und Exklusion durch eigene Erfahrungsmöglichkeiten schärft!

Über Kleidung drückt sich der Status eines Menschen aus, seine Gruppenzugehörigkeit, häufig sogar seine Weltanschauung. Dieser Umstand konnte während der Zeit des Nationalsozialismus über Macht, über Ausgrenzung, über Verfolgung ja sogar über Leben und Tod entscheiden. Anhand der Ausstellung im Gewölbe des NS-Dokumentationszentrums wird diese Thematik anschaulich dargestellt.

Besonders überzeugend finde ich zum Beispiel die Idee, das Foto eines nationalsozialistischen Ratsherrn aus Köln in zwei Zeichnungen zu verarbeiten. Die werden in der Ausstellung groß zu sehen sein. Eines zeigt den Ratsherrn in seiner SS-Uniform mit allen Zeichen und Insignien der Macht. Dem gegenüber stellt man nun den gleichen Mann in der Kleidung aus, die seinen ursprünglichen Beruf zeigt. Er war Friseurgeselle! Offensichtlicher kann man gar nicht zeigen, was sich verändert, wenn ein Mensch Uniform trägt!

Und so gibt es in der Ausstellung auch immer wieder Gegenüberstellungen, die klar machen, wie die Mechanismen der Inklusion über Kleidung funktionieren. Ein weißes Hemd wird hier eine große Rolle spielen! Aber auch das Theme Exklusion behandelt die Ausstellung in einer spannenden Präsentation. Die Akribie mit der die Nationalsozialisten da ein System an Zeichen erfanden, die Menschen zu stigmatisierten, ist auch heute immer noch unfassbar. Der gelbe Stern ist ja im kollektiven Bildergedächtnis noch sehr präsent, möglicherweise auch die rosa Winkel für die Homosexuellen. Was es mit roten Winkeln, dem P oder der Bezeichnung OST auf sich hatte, kann man dann in der Ausstellung nachvollziehen.

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Ein interessanter Aspekt ist auch der Umgang mit dem Thema “Mode” im Alltag. Barbara Kirschbaum hat viele alte Zeitschriften herausgesucht. Sie offenbaren: die Propaganda steht auf dem Titel, doch im Innenteil verraten die Schnittmuster ein anderes Modebewusstsein, das weniger gediegene Tracht als viel mehr eine Eleganz wie aus einem Hollywood-Film vertritt.

Das für mich überraschendste Objekt zeigt mir Barbara Kirschbaum ganz zum Schluss. Sie erzählt mir von dem Themenbereich der Nachkriegszeit, der in der Ausstellung auch präsentiert wird. Sie öffnet einen Karton und zum Vorschein kommt ein großes schwarzes Tuch, auf dem mit Kreuzstichen ein paar Blümchen appliziert wurden. Bei näherem Hinsehen erkenne ich unschwer das Hakenkreuz, welches sich trotz aller Bemühungen nicht überfärben ließ. Über solche Objekte wird in der Ausstellung Geschichte lebendig!

Während der Tagung wird die Ausstellung noch im Fokus stehen und wir sind schon jetzt ganz gespannt darauf. Ab dem 21. November ist sie dann im “Gewölbe” des NS-Dokumentationszentrums zu sehen.

 

 

 

 

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