EvaGronbach

Eva Gronbach – ein T-Shirt für die Stadt

Auf der Tagung wird ein besonderes Kleidungsstück Premiere haben. Die Designerin Eva Gronbach hat ein T-Shirt für die Stadt Köln entworfen, welches in vieler Hinsicht spannende Aspekte unseres Diskussionsprozesses zum Thema Mode berührt. Wir haben Eva Gronbach zu einem Interview getroffen.

Redaktion: Uns interessiert der Entstehungszusammenhang eines T-Shirts für die Stadt sehr. Wie kam es dazu?

Eva Gronbach: Mir liegt die Vernetzung von Verwaltung einer Stadt und den Kreativen, die dort arbeiten, sehr am Herzen. Deswegen habe ich Herrn Sommer von KölnTourismus angesprochen, ob er nicht Interesse daran hat, mit Kölner Designern zusammenzuarbeiten.  Das traf dann auf fruchtbaren Boden und wir haben uns dann zunächst intensiv ausgetauscht.

Red.: Bist du eigentlich Kölnerin?

E.G.: Ich bin in Köln geboren! Ich bin eine der wenigen in meinem Umfeld, die wirkliche Kölnerin ist. Ich bin lange im Ausland gewesen und habe dort auch meinen Horizont erweitert. Aber dann bin ich zurückgekommen.

Red.: Gab es dann sofort auch Idee, ein T-Shirt zu machen oder ging es erst einmal nur grundsätzlich um Design für Köln?

E.G.: Es ging zunächst einmal darum, etwas zu entwickeln. Eine richtige Kollektion zu entwickeln. Wir fangen jetzt mal mit dem einen T-Shirt an und wollen einfach schauen, wie wird das angenommen. Ich möchte erreichen, dass wirklich jemand, der von weit herkommt, sich mit einem Stück Köln identifiziert. Die Idee des Andenkens ist etwas sehr Berührendes, Schönes.

Red.: Wie sieht also dieses T-Shirt aus?

E.G.: Das Motiv ist der Kölner Dom! Aber der Kölner Dom von der Rückseite. Sehr interessant. Es ist eigentlich – das weiß aber nur ich, oder vielleicht kann man es sehen – es ist eigentlich der Heinrich-Böll-Platz! Mit der Philharmonie nach unten fotografiert. Links das Museum Ludwig und rechts ist dann der Dom.
Ich finde diesen Heinrich-Böll-Platz einen der sensationellsten Orte in Köln. Da findet ja Kunst statt. Im Absoluten. Du stehst auf der Philharmonie. Dann hast du diese runde Einfassung, wo die Kinder so gerne spielen. Dann ist da das Museum Ludwig mit seinen enormen Schätzen. Und dann steht da der Dom. Da ist aber auch das Alte, das Römisch-Germanische-Museum! Und der Bahnhof, der einen in die Welt bringt. Unten fließt der Rhein. Also ich liebe diesen Ort. Da ist Köln am dichtesten. Das ist tatsächlich mein Lieblingsort.
Was auch noch interessant ist: der Dom ist schwierig zu fotografieren. Zudem hat nicht jeder  direkt einen Zugang. Deswegen kam mir die Idee, auch die Philharmonie mitzunehmen, die Museen, den Bahnhof. Da kann sich jeder wiederfinden.

Köln-Shirt_Female Mode ©Stefan Stark
Foto: Stefan Stark

Red.: Die meisten würden wohl eher den Dom vom Hauptportal her aufnehmen?

E.G.: Der Dom von vorne ist ein Motiv, das unglaublich nach oben zieht und von daher einfach schwierig war.

Red.: Und da ist er ja auch erst im 19. Jahrhundert fertig geworden. Die Perspektive vom Chor her zeigt eben auch das authentische Mittelalter.

E.G. Genau, es ist das Mittelalter und er ist eher nach unten ausgerichtet. Das Bild hat diese Tiefe. Und es ist eine Nachstimmung auf diesem Bild. Es ist dunkel. Es ist grau. Es ist kölsches Wetter. Es ist nicht geschönt, sondern genauso, wie es ist.

Red.: Also für Köln adäquat. Du suchst ja auch immer – wenn ich jetzt zurückgehe zu dem, was du bisher gemacht hast. Wenn ich jetzt mal an deine Germany-Kollektion erinnere, so hast du da ja auch Motive genommen, die man sich erst einmal erarbeiten musste.

E.G.: Absolut! Emotional steht eigentlich immer bevor ich etwas angehe, auch in mir erst einmal ein Tabu, das ich überwinden muss. Also ich bin nicht hingegangen und habe einfach mal die Farben Schwarz-Rot-Gold gewählt. Sondern es war auch in mir ein innerer schwieriger Prozess. Der auch lange gedauert hat. Aber ich habe eben gemerkt, dass Schwarz-Rot-Gold eigentlich spannend ist. Das ist demokratisch. Das ist etwas Wunderbares. Wie kann ich da reingehen? Die Arbeit entwickelte sich zwischen dem Erforschen und dem Visionären in meiner Arbeit. Dieses etwas Sehen, was darin enthalten ist und dem dann nachzugehen, das ist mein kreativer Prozess.

Red.: Und damit hast du ja auch in diesem Falle einen Beitrag geliefert, etwas neu zu bewerten.

E.G. Wir sind ja hier auch auf einer Veranstaltung, bei der die politische Bildung eine wichtige Rolle spielt. Ich finde es sehr spannend, wenn das, was ich tue, auch immer in eine politische Dimension mit sich bringt.

Red.: Die Tagung fashion@society – oder Mode überhaupt – das ist noch einmal klar geworden, dass man an diesem Thema sowohl über politische als auch ästhetische Bildung diskutieren kann. Da wo die beiden ineinandergreifen sind wir schnell bei Mode.

E.G. Mode ist immer schon ein großes politisches Tool gewesen. Immer schon. Wenn man daran denkt, wie Politiker sich inszenieren. Es ist immer auch um ein Machtspiel gegangen, um eine Zugehörigkeit, ein Abgrenzen. Es hat immer auch doch eine markante große Aussage. Was ich toll finde – ich sehe uns gerade hier sitzen –es ist mittlerweile doch egal geworden, wie man sich anzieht. Das gilt vor allem auch in der Frage, wie ziehen sich Männer an, wie ziehen sich Frauen an. In erster Linie darf man heute auch Bequemlichkeit leben. Heute darf man alles tragen. Also zumindest bei uns.

Red.:  Was ich auch noch spannend finde: das Material hat ja für dich auch eine ganz besondere Bedeutung. Ich denke da an deine Bergmannsstoff-Kollektion, die ja auch vorgefundene Materialien verwendet  – wie ein Künstler, der mit ready mades arbeitet. Ein Material also, das eine besondere Geschichte und Bedeutung mitbringt. Wie sieht das mit dem T-Shirt aus. Hast du dir da auch Gedanken über das Material gemacht?

E.G.: Auf jeden Fall!! Man kann eigentlich sagen, dass in jedem Produkt, was ich mache. Durch das Material inspiriert ist. Ich liebe Stoffe. Und man kann heute nicht mehr anders arbeiten, als nachhaltig zu produzieren. Da steckt in jedem Produkt die Überlegung drin, es mit möglichst wenig Energieverbraucht herzustellen. Ob es um den Versandweg geht, um die Verpackung etc. Und gerade bei diesem T-Shirt ist es so, dass man das auch wirklich spürt. Es ist super weich. Fast wie Seide. Obwohl es Baumwolle ist. Es ist das schönste T-Shirt, was ich bisher hatte.

Red.: T-Shirts sind ein Mode-Thema, das du häufig bearbeitest?

E.G.: T-Shirts sind für mich ein ganz wichtiges Thema.

Red.: Ich erinnere mich, dass du ja auch mal mit Schülern im Museum für Angewandte Kunst ein T-Shirt gestaltet hast. Überhaupt hast du ja einige Projekte im Museum gemacht. Wenn wir jetzt sagen: Mode trifft Museum  – du hast auch eine Ausstellung damals im MAKK kuratiert. Mode trifft Museum – wo wird es da für dich als Designerin spannend?

E.G.: Ich finde halt, dass Mode absolut ins Museum gehört. Museum ist ja sozusagen das gesellschaftliche Auge, der Raum, wo Dinge erhoben werden. Diese Erhebung, die will ich nicht nur durch meine Arbeit zeigen. Auch wenn ich andere Designer sehe,  dann wird mir bewusst, dass Mode als Mega-Ventil  der Gesellschaft in ihrer Entwicklung und auch in den Produkten ins Museum gehört.
Nicht jeder Designer ist ein Künstler, aber die Produkte, die entstehen, darin steckt so viel an Information, an historischen, politischen und gesellschaftlichen Tendenzen. Ich hatte das Glück, als Kuratorin zu arbeiten und da den Blick der Besucher sozusagen nachzuempfinden.
Die Arbeit mit den Kindern, das ist auch ein wichtiger aktiver Austausch und eine pädagogische Anleitung im Museum finde ich großartig. Dass das Lernen nicht nur in der Schule stattfindet. Das ist für mich eigentlich das Größte, wenn Menschen sich seelisch, geistig weiterentwickeln mit der Kunst im Museum.

Red.: Und das Thema Modedesign ist ja gerade bei jungen Menschen so dankbar.  Es steckt viel Anregung drin. Da braucht es nicht viel Überredung, dass sie sich da wiederfinden. Man sucht besonders als junger Mensch seinen Ausdruck über die Mode.

E.G.: Wenn du in die Pubertät kommst – eigentlich auch schon früher – dann ist das reine Energie, was man mit Mode darstellen kann. Welche Farben will ich nehmen, wie fühle ich mich mit Farben? In welchen Stoffen fühle ich mich wohl? Werde ich gesehen? Will ich überhaupt gesehen werden? Das Ganze, was Kleidung ausmacht! Es spielt auch Sexualität eine wichtige Rolle. Weil man jemand besonders erfolgreich findet und dem nacheifern will. Es ist ja enorm, was über Mode alles ausgedrückt werden kann.
Mach eine Modenschau, und es gucken alle hin. Ob ich es jetzt gut finde, oder nicht. Aber es ist eine bestimmte Erwartung, die Mode schürt. Es hat so viel zu tun, mit dem Fokus auf das, was kommt. Mit Zukunft. Diese Idee des Modeschöpfers gefällt mir. Dieses Kreieren der Zukunft. Das ist jedes Mal ein magischer Moment.

Red.: Abschließend: Was erwartest du, was wünschst du dir von der Tagung?

E.G.: Ich wünsche mir, dass die Menschen mit offenem Herzen kommen und uns mit einer positiven Selbstreflexion wieder verlassen. Also dass wir inspirieren.
Das  Museum erhebt, die Politik entscheidet und verwaltet und die Kreativen gestalten. Wenn das zusammen funktioniert, wenn man sich gegenseitig zuhört, dann kann etwas Neues entstehen. Und das ist gelebte Demokratie, das ist ein Traum. Das sehe ich in meiner Arbeit, dass das funktioniert. Es ist sehr hilfreich, dass man sich zuhört. Es geht sehr um die Sache. Ich denke, die Tagung ist eine Chance, dass man da weitermacht.
Hier kann Köln auch Vorreiter sein. Köln ist die Stadt mit der höchsten Gründungsrate in Deutschland. Sie sind nicht so gut darin, die Leute auch zu halten. Aber immerhin passiert hier viel. Und das ist die Chance, wenn wir hier gemeinsam mit Schülern, mit Lehrern mit Multiplikatoren aufmachen und inspirieren … vielleicht auch andere Städte. Ich glaube, das ist gut, was wir hier machen.

Red.: Vielen Dank für das Gespräch!

Hier kann man einmal quer durch die Kollektion von Eva Gronbach blättern!
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Die Kölner Designerin Eva Gronbach ist mit ihren Kollektionen zu einer festen Institution der Modebranche geworden. Stationen ihrer Karriere sind  das Institut supérieur des arts visuels La Cambre  in Brüssel wo sie Stylisme et Création de la Mode studierte Am Institut Français de la Mode in Paris wurde die Jungdesignerin mit dem Master of Arts ausgezeichnet. Danach arbeitete Eva Gronbach u.a. bei Stephen Jones, Yohji Yamamoto, John Galliano und Hermès. Ihre Kollektion „Déclaration d’amour à l’Allemagne“ aus dem Jahr 2000 ist ein Beispiel für Mode, die sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt und zum Diskurs anregt. 2008 engagierte die Bundeszentrale für politische Bildung Eva Gronbach im Rahmen des Festivals „ECHT! – Politik im freien Theater“ für das Design von Accessoires.  Die Kollektion “german jeans“  verwendet  Eva Gronbach gebrauchte Bergmannanzüge und entwickelt so eine Hommage an die Arbeiter des Ruhrgebietes. Eva Gronbach unterrichtet an der Köln International School of Design (KISD) u.a. zum „Transformationsprozess in Modedesign“ und leitete Eva Gronbach Designerwerkstätten für Schüler im Ruhrgebiet.  2004 erhielt die Designerin den „T-com inspire!award“ für ihre Kollektionen, u. a. „Déclaration d’amour à l’Allemagne“. 2005 arbeitet die Designerin als Kuratorin für das Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf. Für die Ausstellung „Generation Mode“ besuchte sie Modeschulen in 50 Ländern. Als Gastkuratorin präsentierte Eva Gronbach 2003 bei der Ausstellung „.In. Femme Fashion – 1780-2004“ im Museum für Angewandte Kunst Köln Leihgaben von Modeschöpfer und Jungdesigner.

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Das Modeblog als Spiegel und Bühne

Die Kuratorin Mahret Kupka hat im Frankurter Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Draußen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode“ eingerichtet, die das Modethema aus einer interessanten Perspektive präsentiert. Ausgehend von der These, dass Mode beschreibt, wie der Mensch in seiner Zeit steht, werden in dieser Ausstellung vor allem Aspekte jenseits des Modekonsums gezeigt, die im Zusammenhang mit der angewandten Kunst auch für die Wahrnehmung von Mode als Handwerk sensibilisieren können. Die Ausstellung ist noch bis in den Januar hinein zu sehen und lohnt einen Abstecher nach Frankfurt.

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Flor de Maria
https://www.flordemariafashion.com/

Die Frage, was Mode heute ist und auf welche Weise wir Mode wahrnehmen bzw. auch diskutieren, ist ein wichtiger Impuls für die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin, die für zahlreiche Zeitungen und Magazine wie Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Texte zur Kunst schreibt. Die 33jährige promoviert derzeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Thema “Das Modeblog als Spiegel und Bühne der Selbstinszenierung”. Im Rahmen der Tagung wird sie über ihre Forschungen zu diesem Thema sprechen. Wir haben im Vorfeld einen Text von Mahret Kupka erhalten, der schon einmal einstimmt auf ihren Impulsvortrag. Wir stellen ihn gerne an dieser Stelle komplett zur Ansicht ein.  MahretKupka_Abstract

Mahret Kupka hat nicht nur die historische Entwicklung von Mode im Blick, sondern sie wendet sich der Frage zu, wie sich die Wahrnehmung derselben im Internetzeitalter verändert hat. Der Forschungsgegenstand “Modeblog” trägt dem Rechnung. Kupka schreibt: “Mode wird in diesem Zusammenhang verstanden als symbolischer Wert, der einem Kleidungsstück zugesprochen wird. Mode an sich ist formlos und inhaltsleer. Sie wird erst sichtbar in ihrer Relation zu den Dingen, die als nicht modisch gelten. Mode beschreibt die Grenze zu dem Anderen.”

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Totenkopf und Schmetterling

Anhänger mit Amor und Totenkopf, Deutschland oder Frankreich, um 1665-1700 © MAKK, Foto: Martin Klimas

Mode ist auch Ausdruck von Schönheit und dem Bedürfnis danach. Dieser Aspekt spielt vor allem beim Schmuck eine zentrale Rolle. In der Ausstellung “Boys get skulls and girls get butterflies” kann man sich mit der Frage nach Modeerscheinungen durch die Jahrhunderte auseinanderzusetzen. Der außergewöhnliche Ausstellungstitel geht auf ein Zitat des Tattookünstlers Scott Campbell zurück, der über den Einsatz von Motiven in seiner Branche philosophierte. Dieser Genderaspekt lohnt einer weiteren Betrachtung und liefert zusätzliche Impulse für die Diskussion von fashion@society.

Doch zunächst entführt die Ausstellungsarchitektur Besucher in die geheimnisvolle Welt der Schmuckkünstler und man entdeckt nicht nur die Preziosen der hinreißenden Schmucksammlung des Museums für Angewandte Kunst sondern auch die Arbeiten des international renommierten Goldschmieds Georg Hornemann. In insgesamt acht Themenkreisen werden historische Schmuckstücke den faszinierenden Entwürfen Hornemanns gegenübergestellt: “Memento mori” – “Flora und Fauna” – “Ornament und Design” – “Menagerie” – “Form und Gestalt” – “Schau mich an!” – “Magie des Kreises” – “Die Macht des Zeichens”.

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Visierhelmring mit Schädel, Düsseldorf 2008 © Georg Hornemann, Foto: Martin Klimas

Mit Dr. Romana Breuer besuchte dieser Tage eine Gruppe unserer Partnerschule des Berufskollegs Humboldstraße die Ausstellung. Gemeinsam ging man der Frage nach der Objektsprache von Schmuck nach. Die Ausstellung dokumentiert die die Vorliebe für bestimmte Schmuckformen und – motive durch die Jahrhunderte und durch die  thematische Gliederung wurde klar, dass klassische Motive wiederholt und epochenübergreifende Neuinterpretationen erfahren haben. Totenkopfmotive ebenso wie zarte Schmetterlinge. Die Schülerinnen kamen aus dem Staunen nicht heraus und waren überrascht über die vielen Querverbindungen der spektakulären Motive. Mit Skizzenblock und Zeichenstift wurden erste Ideen für eigene Schmuckentwürfe umrissen, die im Unterricht weiter konkretisiert und umgesetzt werden sollen und auf der Tagung in einer Modenschau gezeigt werden sollen.

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Schönheit im Mittelalter

Modetrends hat es schon immer gegeben. Auch im Mittelalter hatte man ganz genaue Vorstellungen davon, was schön war. Das lässt sich heute noch auf vielen Bildwerken aus dieser Zeit ablesen. Eines der bekanntesten Beispiele sind die sogenannten Ursula-Büsten, die als Reliquien zu einem der Exportschlager des Heiligen Kölns geworden sind. Nicht zuletzt durch die sorgsam geschminkten und ordentlich verschleierten Frauengesichter, die sie zierten.

Das hier vorgestellte Exemplar stammt aus dem Museum Schnütgen. Die Büste wurde 1350 n.Chr. in Köln hergestellt und zeigt ein Frauengesicht mit weißem Teint, kleinen roten Rouge-Bäckchen und einer feinen Haube. Der Kruseler, wie diese Haube genannt wurde, begann damals seinen Siegeszug durch das Spätmittelalter. Diese Kopfbedeckung war den verheirateten Frauen vorbehalten und in den Kleiderordnungen war die Anzahl der Kräuselungen genau festgelegt.

Und auch das Make-up war damals nicht unbekannt! Ein interessanter Artikel listet verschiedene Mittelchen auf, mit denen man einst der Schönheit gezielt nachgeholfen hat. Eine hohe Stirn wurde beispielsweise durch das Verschieben des Haaransatzes erreicht und die Haut wurde nicht selten mit giftigem Bleiweiß behandelt, damit sie möglichst hell erschien. Die Kirche verteufelte jegliche Putzsucht … aber schon damals war der Drang, dem Schönheitsideal nachzueifern, weitaus größer als die Angst vor Strafe!

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Schnabelschuh, Spanien (Toledo?), 15. Jh.; Leder;  Museum für Angewandte Kunst, Frankfurt am Main, Inv. Nr. 6076, Quelle: Wikipedia

Zur Tagung gibt es einige Beiträge im Rahmenprogramm, die sich ebenfalls mit der Mode des Mittelalters auseinandersetzen. So wird zum Beispiel zum Auftakt das Schnabelschuh-Ballett aufgeführt. Weitere Entdeckungen warten auf Modeinteressenten, wenn es dann im November heißt: Mode trifft Museum!

 

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Tattoo – ein Modetrend mit Tradition

Körperschmuck als Modeerscheinung ist ein Thema, das auf der Tagung noch in einigen Beiträgen diskutiert werden wird. Wir erleben in den letzten Jahren eine neue Modewelle der Tätowierungen. Bunte Bilder, die oft große Körperpartien zieren, sind immer häufiger zu sehen. Die ästhetischen Ansätze für manche Tattoos entstammen einer langen Tradition und wir wollen heute einmal die Gelegenheit nutzen, an die Ursprünge des Körperschmucks zu erinnern. Unser Kollege Peter Mesenhöller ist Ethnologe und hat zum Thema „Tätowierung“ geforscht. Das Foto, welches unseren Artikel illustriert, wurde von Thomas Andrews ca. 1895 auf Samoa aufgenommen und entstammt der Wikipedia.

Redaktion: Woher kommt eigentlich der Begriff „Tattoo“?

Peter Mesenhöller: Der Begriff „Tattoo“ leitet sich vom polynesischen Wort „Tatau“ – „richtig schlagen“ ab. Damit ist das Schlagen der Muster mit kleinen Holzwerkzeugen in die Haut gemeint. Mitgebracht hat dieses Wort im 18. Jahrhundert der Tahitianer Omai. Er kam mit James Cook und seiner Mannschaft nach London und wurde dort mit seinen Tätowierungen zur Attraktion. Wer aber denkt, dass der Trend der Hautbemalungen erst einmal nur in der Seefahrer-Szene beliebt war, der liegt falsch. Erstaunlich viele Mitglieder des Hochadels waren sehr angetan von den blauen Punkten auf Armen und Händen.

Red.: Das ist erstaunlich. Woher stammt diese frühe Begeisterung für das Tätowieren?

P.M.: Man verband die exotische Hautbemalung damals mit der Vorstellung von Tahiti als irdischem Paradies. Tätowierungen galten als „Schrift des Paradieses“. In der Folgezeit erfasste den gesamten europäischen Hochadel eine Modewelle, in der sich gekrönte Häupter mit Tattoos verzierten. König George V. trug einen Drachen auf dem linken Unterarm, und Zar Nikolaus brachte von einer Japan-Reise bunte Fabelwesen auf der Haut mit. Sogar von Winston Churchill weiß man, dass er einen Anker auf dem Arm tätowiert hatte. Erst im späten 19. Jahrhundert sind Tattoos eher negativ beurteilt worden und in die Welt der Verbrecher gerutscht.

Red.: Wenn wir es heute eher als ein dekoratives Element ansehen, wenn jemand tätowiert ist, so hat doch dieser Körperschmuck im Ursprung eine deutliche Sprache, die auch die soziale Stellung des Tätowierten ausdrücken konnte, oder?

P.M.: Ja, ganz klar. Es ist in manchen Gegenden eine Voraussetzung,, tätowiert zu sein, wenn man zum Beispiel ein Amt im Dorfrat übernehmen will. Ein Chief auf Samoa zum Beispiel muss Tätowierungen vorweisen, wenn er möchte, dass seine Stimme gehört wird. Das zeigt, dass er in der Lage ist,  Schmerzen auszuhalten. Damit verdient er sich Respekt.

Red: Das ist die historische Bedeutung von Tattoos. Wie sieht es heute aus? Hat das Tätowieren da, wo es eigentlich her stammt, noch dieselbe Bedeutung? Oder hat es sich mittlerweile zur reinen Schmuckform gewandelt?

P.M.: Es ist heute tatsächlich eine ausgereifte Kunstform daraus entstanden. Es lässt sich eine Wiederbelebung der alten Werte und ihrer sozialen Funktionen feststellen. Das geht von Samoa aus und hat mittlerweile ganz Polynesien erfasst. Diese Entwicklung gibt den Hautstichen ihre alten Werte und sozialen Funktionen zurück. Das Spannende daran ist, dass die neuen Tattoo-Meister in der Lage sind, die klassischen Zeichen nicht nur zu konservieren, sondern zu hoch komplexen, modernen Mustern weiterzuentwickeln.

Red.: Vielen Dank für den Blick zurück auf die Entstehungsgeschichte der Tätowierungen. Wir sind schon gespannt auf den Expertentalk während der  Tagung, wo wir noch mehr über dieses spannende Thema erfahren werden.

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