Rückblick auf zwei Tage voller Mode im Museum

Die Tagung fashion@society liegt schon wieder einige Zeit hinter uns und wir haben uns ein wenig Zeit gelassen, um alles noch einmal zusammenzufassen. Das soll jetzt nachgeholt werden.

Es waren insgesamt 120 Besucher an zwei Tagen im Kulturquartier am Neumarkt, um sich in unterschiedlichen Formaten angeregt über Mode auszutauschen. Sieben großartige Vorträge gaben dazu Impulse, acht Talks mit ausgewiesenen Experten lieferten Gesprächsstoff und in fünf Workshops konnte man aktiv zu einzelnen Themen arbeiten. Mit über 30 Projektpräsentationen wurde ein weiter Bogen gespannt zu der museumspädagogischen Arbeit in den Kölner Museen und insgesamt fünf Führungen brachten Einblicke in laufende Ausstellungen mit dem Focus „Mode“ und „Textilien“.

Eine Fotostrecke gibt die Atmosphäre vor Ort wieder und zeigt – als kleine Spielerei – auch hier und da ein bisschen Museumsfashion!

Mit der inhaltlichen Struktur in verschiedene Themenkomplexe haben wir richtig gelegen, denn so konnte im Wechsel von Impulsvortrag, auflockernden Intermezzi und intensiveren Expertentalks die Fülle der Informationen und Anregungen in verträglichen Dosen serviert werden.

Impulsvorträge
Eine gute Nachricht für all diejenigen, die es nicht zur Tagung geschafft haben: es gibt Video-Mitschnitte aller Impulsvorträge und auch für uns vom Orga-Team wird es eine Freude sein, wenn wir uns das noch einmal in Ruhe anhören können. Mit den eingeladenen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, Museumskolleginnen sowie Journalistinnen und Journalisten entstand ein komplexes Bild von der Bedeutung von Mode – quer durch alle Gesellschaftsschichten, Kulturen und Zeiten.

Im Block „Konsum und Entschleunigung“ berichtete Diana Weis vom Archiv der Jugendkulturen über die Subkulturen junger Menschen und wie diese die jeweilige Mode beeinflussen. Eine ihrer interessanten Thesen ankte sich um die Vorstellung vom „Kaputtsein als Chiffre“. Sie zeigte als Beispiel dafür den Rüpelsänger Pete Doherty, der zu einem gefragten Model wurde, weil die Modebranche plötzlich den Kokain-Chic entdeckte.
Bei Wiebke Jessen erhielten die Zuhörer Einblick in die Lebenswelten der Jugendlichen. Für die Teilnehmer erwies sich letzten Endes die Milieustudie an den Stellen als besonders spannend, wo es um die bildungsfernen Schichten handelt – eine Klientel, zu der man so gut wie gar keinen Zugang hat. Und so wurde hier besonders interessiert aus dem Publikum nachgefragt.

Die Sektion „Inklusion und Exklusion“ brachte die historische Dimension von Mode zur Sprache. Die viel besprochene Ausstellung zur Mode der NS-Zeit, die von Claudia Gottfried für das Rheinische Industriemuseum eingerichtet wurde, zeigt sehr deutlich, welche Machtmechanismen auch über Mode transportiert wurden. Dass die Inszenierung durch Mode auch schon in früheren Zeiten ein bewusstes Mittel der Herrschenden war, führte Barbara Vinken dann in ihrem Beitrag aus.

Am nächsten Tag wurde in der Sektion „Global und glokal“ der Fokus zunächst auf Modephänomene in aller Welt gelegt. Teimaz Shahverdi berichtete von seiner Arbeit mit Modemachern aus aller Herren Länder, die in interessanten Laborsituationen am Weltkulturen-Museum mit der Sammlung arbeiten konnten. Robert Misik formulierte anschließend in seinem Impuls erst einmal das Tagungsmotto um – aus Mode trifft Museum wurde bei ihm Ware trifft Kunst. Interessant auch seine Gedanken zu modischen Klischees und deren Herkunft aus der Kultur.

Der Schlusspunkt der Tagung in der Sektion „Gender und Ästhetik“ beleuchtete die Verwendung von Symbolen und Zeichen in der Modesprache. Im Interview mit der Modeschöpferin Eva Gronbach diskutierte Mario Kramp, Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, über die Deutschlandfahne, Bergmanns-Uniformen und den Kölner Dom. All diese Motive fanden Verwendung in der Kollektion der Designerin.

Mahret Kupka beschäftigt sich mit Modeblogs und hinterfragte in ihrem Vortrag die Relevanz dieser Flut immer neuer Selbstdarstellungen im Netz. In ihrer Präsentation skizzierte sie die verschiedenen Kreise von Influencern der Branche über ironische Kommentierungen eines übertriebenen Hype bis zur Thematik der Entstehung interessanter neuer Communities.

Intermezzi
Die Impulsvorträge wurden jeweils gerahmt von kleinen Unterbrechungen der kreativen Art. Neben Tanz und Modenschauen gab es kleine Filmbeiträge und eine Lesung. Ob eine afrikanische Frauengruppe mit den Festtagsgewändern aus ihren Herkunftsländern oder die anrührenden Geschichten von Klamotten-Heinz – die Intermezzi waren unterhaltsam, bunt und lieferten zusätzliche inhaltliche Facetten.

 

Expertentalks
Da unsere Vorträge dazu gedacht waren, kurze prägnante Gedankenimpulse zu geben, haben wir unterschiedliche Experten zusätzlich in Talkrunden gebeten. Hier konnten Lenka Petzold und Annika Cornelissen ihre Idee einer Klamottenkur mit dem Publikum diskutieren und Eva Gronbach in ihrem Mode-Bewusst-Sein die Teilnehmer zu ganz persönlichen Statements zum Thema Mode bewegen.

Im Gespräch mit Sabine Dengel präsentierte Elisabeth-Mikosch ihre Untersuchungen zur Uniform. Deren Schnitt folgte zum Beispiel ganz bestimmten Absichten der Inszenierung von Körperformen. Das Publikum verfolgte besonders gespannt die Entwicklungsstufen der Polizei-Uniformen, welche auch bestimmte politische Botschaften transportieren sollen. Die Uniform spiegelt sich auch in diversen historischen Moden – aus diesem Grund lud man früher beispielsweise junge Offiziere gerne zu gesellschaftlichen Ereignissen.

Rita Wagner entführte die Teilnehmer in ihrem Talk zu einer Zeitreise ins alte Köln. Hierbei konnte man sozusagen live nachvollziehen, welche Hebel in Bewegung gesetzt werden mussten, wenn man sich ein Kleidungsstück schneidern lassen wollte. Köln war damals wichtigster Handelsplatz für kostbare Stoffe und es gab zahlreiche Dienstleistungen rund um das Thema Kleidung und Textilien. Wagner führte den Zuhörern lebendig vor Augen, wer sich damals welche Moden und Extravaganzen leisten konnte.

Auch in den Expertentalks zeigte sich die kulturelle Vielfalt des Modethemas. So berichtete Walter B. Brix darüber, welche Bedeutung bestimmte Stoffe in der Verarbeitung zu asiatischen Kesas haben. Anhand seines Demonstrationsobjektes – ein Kesa, an welchem er ein Jahr lang gearbeitet hat – machte die Handwerkskunst des Nähens haptisch nachvollziehbar.

Die Schleiergeschichten gewährten Einblick in die Perspektive einer Kopftuch tragenden Muslima. In einer Lesung von persönlichen Texten berichteten die Frauen des muslimischen Bildungswerkes von ihren Erfahrungen.  Der Unternehmer Melih Kesmen erzählte in seinem Talk über die persönlichen Hintergründe, die ihn ein Modelabel gründen ließen, welches zeitgenössisches Design mit muslimischen Motiven kombiniert. Seine Motivation war es, die muslimische Lebenswelt mit positiven Botschaften nach außen zu kommunizieren.

Workshops
Die Teilnehmer der Tagung konnten auch aktiv werden. In einer Schreibwerkstatt entstanden persönliche Texte zur Beschäftigung mit Mode. Hier wurden auch die Impulse der Tagung verarbeitet. Mit den Modesprücheklopfern entstanden kleine Kunstwerke auf Stoff und die Museumsgraffitis regten eine besondere Wahrnehmung des Museumsraumes an. Worte aus langen Fäden und Schnüren setzten besondere Akzente in den Kirchenraum des Museum Schnütgen.

Die Teilnehmer an dem Madonnen-Workshop konnten ihre eigene Ausstellung erarbeiten. Mit den Fotos aus dem Madonnen-Projekt konnten sie Bezüge zu den Kunstwerken im Museum Schnütgen herstellen, die durch intensive Gespräche mit den Projekt-Beteiligten reflektiert wurden. Auch die Muster-Expedition in das Rautenstrauch-Joest-Museum lenkte den Blick der Teilnehmenden auf die besonderen Details der Museumsobjekte.

Präsentationen
Mehr als 30 Projekte des Museumsdienstes und der Museumsschule lenkten den Blick auf die Vermittlungsarbeit. Bei der Demonstration der aufwändigen Technik eines japanischen Kimonos konnten die Teilnehmer sich über Kleidung in eine andere Kultur eindenken. Das gleiche funktionierte in einer Art Zeitreise bei der Demonstration römischer Gewänder, die nach den historischen Vorbildern originalgetreu nachgearbeitet wurden.

Über zwei Tage verteilt konnten die Teilnehmer sich auch für ihre eigene Arbeit Anregungen holen. Mode trifft Museum. Hier schloss sich der thematische Kreis der Tagung in den Projekten, die sich alle mit Mode und Textilien in den Ausstellungs-Objekten der Kölner Museen beschäftigten.

Führungen
Da eine ganze Reihe von Anschauungsmaterial direkt vor Ort in den Museen zur weiteren Beschäftigung mit den Themen der Tagung einlud, waren die Führungen in den Ausstellungen des Museums für Angewandte Kunst (Boys get skulls. Girls get butterflies), Museum Schnütgen (Seide statt Sünde), NS-Dokumentationszentraum (Was hat das Hemd mit Politik zu tun?) und Rautenstrauch-Joest-Museum (Oceania. Tapa – Kunst und Lebenswelten; Körper als Bühne) das Sahnehäubchen auf den vielen Eindrücken.
Dieser Rückblick fasst alles zusammen, was wir während der Tagung erlebt haben. In den kommenden Tagen werden wir weitere Materialien hier sammeln, die noch mehr Eindrücke von dem Treffen von Mode und Museum vermitteln können.

 

EvaGronbach

Eva Gronbach – ein T-Shirt für die Stadt

Auf der Tagung wird ein besonderes Kleidungsstück Premiere haben. Die Designerin Eva Gronbach hat ein T-Shirt für die Stadt Köln entworfen, welches in vieler Hinsicht spannende Aspekte unseres Diskussionsprozesses zum Thema Mode berührt. Wir haben Eva Gronbach zu einem Interview getroffen.

Redaktion: Uns interessiert der Entstehungszusammenhang eines T-Shirts für die Stadt sehr. Wie kam es dazu?

Eva Gronbach: Mir liegt die Vernetzung von Verwaltung einer Stadt und den Kreativen, die dort arbeiten, sehr am Herzen. Deswegen habe ich Herrn Sommer von KölnTourismus angesprochen, ob er nicht Interesse daran hat, mit Kölner Designern zusammenzuarbeiten.  Das traf dann auf fruchtbaren Boden und wir haben uns dann zunächst intensiv ausgetauscht.

Red.: Bist du eigentlich Kölnerin?

E.G.: Ich bin in Köln geboren! Ich bin eine der wenigen in meinem Umfeld, die wirkliche Kölnerin ist. Ich bin lange im Ausland gewesen und habe dort auch meinen Horizont erweitert. Aber dann bin ich zurückgekommen.

Red.: Gab es dann sofort auch Idee, ein T-Shirt zu machen oder ging es erst einmal nur grundsätzlich um Design für Köln?

E.G.: Es ging zunächst einmal darum, etwas zu entwickeln. Eine richtige Kollektion zu entwickeln. Wir fangen jetzt mal mit dem einen T-Shirt an und wollen einfach schauen, wie wird das angenommen. Ich möchte erreichen, dass wirklich jemand, der von weit herkommt, sich mit einem Stück Köln identifiziert. Die Idee des Andenkens ist etwas sehr Berührendes, Schönes.

Red.: Wie sieht also dieses T-Shirt aus?

E.G.: Das Motiv ist der Kölner Dom! Aber der Kölner Dom von der Rückseite. Sehr interessant. Es ist eigentlich – das weiß aber nur ich, oder vielleicht kann man es sehen – es ist eigentlich der Heinrich-Böll-Platz! Mit der Philharmonie nach unten fotografiert. Links das Museum Ludwig und rechts ist dann der Dom.
Ich finde diesen Heinrich-Böll-Platz einen der sensationellsten Orte in Köln. Da findet ja Kunst statt. Im Absoluten. Du stehst auf der Philharmonie. Dann hast du diese runde Einfassung, wo die Kinder so gerne spielen. Dann ist da das Museum Ludwig mit seinen enormen Schätzen. Und dann steht da der Dom. Da ist aber auch das Alte, das Römisch-Germanische-Museum! Und der Bahnhof, der einen in die Welt bringt. Unten fließt der Rhein. Also ich liebe diesen Ort. Da ist Köln am dichtesten. Das ist tatsächlich mein Lieblingsort.
Was auch noch interessant ist: der Dom ist schwierig zu fotografieren. Zudem hat nicht jeder  direkt einen Zugang. Deswegen kam mir die Idee, auch die Philharmonie mitzunehmen, die Museen, den Bahnhof. Da kann sich jeder wiederfinden.

Köln-Shirt_Female Mode ©Stefan Stark
Foto: Stefan Stark

Red.: Die meisten würden wohl eher den Dom vom Hauptportal her aufnehmen?

E.G.: Der Dom von vorne ist ein Motiv, das unglaublich nach oben zieht und von daher einfach schwierig war.

Red.: Und da ist er ja auch erst im 19. Jahrhundert fertig geworden. Die Perspektive vom Chor her zeigt eben auch das authentische Mittelalter.

E.G. Genau, es ist das Mittelalter und er ist eher nach unten ausgerichtet. Das Bild hat diese Tiefe. Und es ist eine Nachstimmung auf diesem Bild. Es ist dunkel. Es ist grau. Es ist kölsches Wetter. Es ist nicht geschönt, sondern genauso, wie es ist.

Red.: Also für Köln adäquat. Du suchst ja auch immer – wenn ich jetzt zurückgehe zu dem, was du bisher gemacht hast. Wenn ich jetzt mal an deine Germany-Kollektion erinnere, so hast du da ja auch Motive genommen, die man sich erst einmal erarbeiten musste.

E.G.: Absolut! Emotional steht eigentlich immer bevor ich etwas angehe, auch in mir erst einmal ein Tabu, das ich überwinden muss. Also ich bin nicht hingegangen und habe einfach mal die Farben Schwarz-Rot-Gold gewählt. Sondern es war auch in mir ein innerer schwieriger Prozess. Der auch lange gedauert hat. Aber ich habe eben gemerkt, dass Schwarz-Rot-Gold eigentlich spannend ist. Das ist demokratisch. Das ist etwas Wunderbares. Wie kann ich da reingehen? Die Arbeit entwickelte sich zwischen dem Erforschen und dem Visionären in meiner Arbeit. Dieses etwas Sehen, was darin enthalten ist und dem dann nachzugehen, das ist mein kreativer Prozess.

Red.: Und damit hast du ja auch in diesem Falle einen Beitrag geliefert, etwas neu zu bewerten.

E.G. Wir sind ja hier auch auf einer Veranstaltung, bei der die politische Bildung eine wichtige Rolle spielt. Ich finde es sehr spannend, wenn das, was ich tue, auch immer in eine politische Dimension mit sich bringt.

Red.: Die Tagung fashion@society – oder Mode überhaupt – das ist noch einmal klar geworden, dass man an diesem Thema sowohl über politische als auch ästhetische Bildung diskutieren kann. Da wo die beiden ineinandergreifen sind wir schnell bei Mode.

E.G. Mode ist immer schon ein großes politisches Tool gewesen. Immer schon. Wenn man daran denkt, wie Politiker sich inszenieren. Es ist immer auch um ein Machtspiel gegangen, um eine Zugehörigkeit, ein Abgrenzen. Es hat immer auch doch eine markante große Aussage. Was ich toll finde – ich sehe uns gerade hier sitzen –es ist mittlerweile doch egal geworden, wie man sich anzieht. Das gilt vor allem auch in der Frage, wie ziehen sich Männer an, wie ziehen sich Frauen an. In erster Linie darf man heute auch Bequemlichkeit leben. Heute darf man alles tragen. Also zumindest bei uns.

Red.:  Was ich auch noch spannend finde: das Material hat ja für dich auch eine ganz besondere Bedeutung. Ich denke da an deine Bergmannsstoff-Kollektion, die ja auch vorgefundene Materialien verwendet  – wie ein Künstler, der mit ready mades arbeitet. Ein Material also, das eine besondere Geschichte und Bedeutung mitbringt. Wie sieht das mit dem T-Shirt aus. Hast du dir da auch Gedanken über das Material gemacht?

E.G.: Auf jeden Fall!! Man kann eigentlich sagen, dass in jedem Produkt, was ich mache. Durch das Material inspiriert ist. Ich liebe Stoffe. Und man kann heute nicht mehr anders arbeiten, als nachhaltig zu produzieren. Da steckt in jedem Produkt die Überlegung drin, es mit möglichst wenig Energieverbraucht herzustellen. Ob es um den Versandweg geht, um die Verpackung etc. Und gerade bei diesem T-Shirt ist es so, dass man das auch wirklich spürt. Es ist super weich. Fast wie Seide. Obwohl es Baumwolle ist. Es ist das schönste T-Shirt, was ich bisher hatte.

Red.: T-Shirts sind ein Mode-Thema, das du häufig bearbeitest?

E.G.: T-Shirts sind für mich ein ganz wichtiges Thema.

Red.: Ich erinnere mich, dass du ja auch mal mit Schülern im Museum für Angewandte Kunst ein T-Shirt gestaltet hast. Überhaupt hast du ja einige Projekte im Museum gemacht. Wenn wir jetzt sagen: Mode trifft Museum  – du hast auch eine Ausstellung damals im MAKK kuratiert. Mode trifft Museum – wo wird es da für dich als Designerin spannend?

E.G.: Ich finde halt, dass Mode absolut ins Museum gehört. Museum ist ja sozusagen das gesellschaftliche Auge, der Raum, wo Dinge erhoben werden. Diese Erhebung, die will ich nicht nur durch meine Arbeit zeigen. Auch wenn ich andere Designer sehe,  dann wird mir bewusst, dass Mode als Mega-Ventil  der Gesellschaft in ihrer Entwicklung und auch in den Produkten ins Museum gehört.
Nicht jeder Designer ist ein Künstler, aber die Produkte, die entstehen, darin steckt so viel an Information, an historischen, politischen und gesellschaftlichen Tendenzen. Ich hatte das Glück, als Kuratorin zu arbeiten und da den Blick der Besucher sozusagen nachzuempfinden.
Die Arbeit mit den Kindern, das ist auch ein wichtiger aktiver Austausch und eine pädagogische Anleitung im Museum finde ich großartig. Dass das Lernen nicht nur in der Schule stattfindet. Das ist für mich eigentlich das Größte, wenn Menschen sich seelisch, geistig weiterentwickeln mit der Kunst im Museum.

Red.: Und das Thema Modedesign ist ja gerade bei jungen Menschen so dankbar.  Es steckt viel Anregung drin. Da braucht es nicht viel Überredung, dass sie sich da wiederfinden. Man sucht besonders als junger Mensch seinen Ausdruck über die Mode.

E.G.: Wenn du in die Pubertät kommst – eigentlich auch schon früher – dann ist das reine Energie, was man mit Mode darstellen kann. Welche Farben will ich nehmen, wie fühle ich mich mit Farben? In welchen Stoffen fühle ich mich wohl? Werde ich gesehen? Will ich überhaupt gesehen werden? Das Ganze, was Kleidung ausmacht! Es spielt auch Sexualität eine wichtige Rolle. Weil man jemand besonders erfolgreich findet und dem nacheifern will. Es ist ja enorm, was über Mode alles ausgedrückt werden kann.
Mach eine Modenschau, und es gucken alle hin. Ob ich es jetzt gut finde, oder nicht. Aber es ist eine bestimmte Erwartung, die Mode schürt. Es hat so viel zu tun, mit dem Fokus auf das, was kommt. Mit Zukunft. Diese Idee des Modeschöpfers gefällt mir. Dieses Kreieren der Zukunft. Das ist jedes Mal ein magischer Moment.

Red.: Abschließend: Was erwartest du, was wünschst du dir von der Tagung?

E.G.: Ich wünsche mir, dass die Menschen mit offenem Herzen kommen und uns mit einer positiven Selbstreflexion wieder verlassen. Also dass wir inspirieren.
Das  Museum erhebt, die Politik entscheidet und verwaltet und die Kreativen gestalten. Wenn das zusammen funktioniert, wenn man sich gegenseitig zuhört, dann kann etwas Neues entstehen. Und das ist gelebte Demokratie, das ist ein Traum. Das sehe ich in meiner Arbeit, dass das funktioniert. Es ist sehr hilfreich, dass man sich zuhört. Es geht sehr um die Sache. Ich denke, die Tagung ist eine Chance, dass man da weitermacht.
Hier kann Köln auch Vorreiter sein. Köln ist die Stadt mit der höchsten Gründungsrate in Deutschland. Sie sind nicht so gut darin, die Leute auch zu halten. Aber immerhin passiert hier viel. Und das ist die Chance, wenn wir hier gemeinsam mit Schülern, mit Lehrern mit Multiplikatoren aufmachen und inspirieren … vielleicht auch andere Städte. Ich glaube, das ist gut, was wir hier machen.

Red.: Vielen Dank für das Gespräch!

Hier kann man einmal quer durch die Kollektion von Eva Gronbach blättern!
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Die Kölner Designerin Eva Gronbach ist mit ihren Kollektionen zu einer festen Institution der Modebranche geworden. Stationen ihrer Karriere sind  das Institut supérieur des arts visuels La Cambre  in Brüssel wo sie Stylisme et Création de la Mode studierte Am Institut Français de la Mode in Paris wurde die Jungdesignerin mit dem Master of Arts ausgezeichnet. Danach arbeitete Eva Gronbach u.a. bei Stephen Jones, Yohji Yamamoto, John Galliano und Hermès. Ihre Kollektion „Déclaration d’amour à l’Allemagne“ aus dem Jahr 2000 ist ein Beispiel für Mode, die sich mit aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen auseinandersetzt und zum Diskurs anregt. 2008 engagierte die Bundeszentrale für politische Bildung Eva Gronbach im Rahmen des Festivals „ECHT! – Politik im freien Theater“ für das Design von Accessoires.  Die Kollektion “german jeans“  verwendet  Eva Gronbach gebrauchte Bergmannanzüge und entwickelt so eine Hommage an die Arbeiter des Ruhrgebietes. Eva Gronbach unterrichtet an der Köln International School of Design (KISD) u.a. zum „Transformationsprozess in Modedesign“ und leitete Eva Gronbach Designerwerkstätten für Schüler im Ruhrgebiet.  2004 erhielt die Designerin den „T-com inspire!award“ für ihre Kollektionen, u. a. „Déclaration d’amour à l’Allemagne“. 2005 arbeitet die Designerin als Kuratorin für das Stadtmuseum Landeshauptstadt Düsseldorf. Für die Ausstellung „Generation Mode“ besuchte sie Modeschulen in 50 Ländern. Als Gastkuratorin präsentierte Eva Gronbach 2003 bei der Ausstellung „.In. Femme Fashion – 1780-2004“ im Museum für Angewandte Kunst Köln Leihgaben von Modeschöpfer und Jungdesigner.

Structures of the World – Finale

Von Walter Bruno Brix

Das Projekt “structure of the world” geht gut voran. Am Mittwoch habe ich die Damen besucht und es herrschte gute Stimmung, alle waren fleißig. Da wurde an mit verschiedenen Techniken und unterschiedlichen Materialien gearbeitet. Ein Puppe, die ein stilisiertes Selbstportrait wird, bekommt ein Mütze.Sie hat echte Haare und einen Pony. Aus dem Metall von Getränkedosen wird ein Stein genäht. Aus gefärbten Filz entsteht ein Bund Spargel. Ein Globus aus Pappe wird mit Blüten, Federn und Schmetterlingen verziert. Aus schwarzem Stoff entsteht eine Schere, aus Schnittmusterbögen ein Schiff. Ein modellierter Schädel wird mit Gaze überzogen. Eine Schädelmaske entsteht aus weißem Filz, aus schwarzem ein eleganter Hut. Auf der Nähmaschnie wird ein Flügel genäht und eine durchswichtige Laterne. Blumenstoff werden zu einem Vogelnest mit Eiern. Blätter, Zweige und Satin bilden eine Schaukel. Aus schwarzem Plastik wird ein Stößel (für einen Mörser) genäht.


Bei der Präsentation wird man sehen können, welche Gemälde aus der Sammlung des Museums Wallraf-Richartz/Foundation Corboud die Inspiration waren. Sehr spannend zu sehen, was auf Gemälden alles zu entdecken ist. Ebenso, wie die Entscheidung, was davon man dann ausführt. Die entstehenden Objekte sind keine eins zu eins Kopien der Dinge auf den Bildern, sie stehen für eine Vorstellung, die man sich macht, wenn man das Gemälde betrachtet.

 

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Mit dem Schnabelschuh auf den Laufsteg

Mit dem Schnabelschuhballett wird am kommenden Dienstag um 9.30 Uhr die Tagung eröffnet werden. Heute haben Schülerinnen und Schüler der Rheinischen Musikschule den notwendigen Input im Wallraf-Richartz-Museum erhalten, um sich in die speziellen Schuhformen des Mittelalters eindenken zu können.

Mit der Museumspädagogin Julia Müller waren sie in der Mittelalter-Abteilung des Museums und nachdem sie sich die Bilder genauer angeschaut hatten, wurde das Thema “Kleidung” im Kölner Mittelalter anschaulich beschrieben. Neben dem Verlesen einer alten Kleiderordnung – die eigentlich im Wesentlichen aus Verboten bestand – zeigte Julia Müller auch verschiedene Stoffe zum Anfassen.

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Auf diese Weise eingestimmt, ging es dann darum, die Haltungen nachzuempfinden, die man beim Tragen der außergewöhnlichen Schuhformen an den Tag legen sollte. Die Schülerinnen und Schüler probierten aus: wie geht man wohl mit Schuhen, die am Ende ganz extrem nach oben gebogen sind. Oder was für ein Laufen wird das gewesen sein – mit schweren Metallschuhen einer Rüstung. Zuletzt kam das relativ leichte Gehen mit den Kuhmaulschuhen an die Reihe. Das Hineindenken in die Besonderheiten der Kleidung aus vergangenen Jahrhunderten machte den Kindern und Jugendlichen sichtlich Spaß.

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Auch für die “Laufstegkapriolen” am Ende der Tagung wurden bei diesem Museumsbesuch schon eine Menge Anregungen und Impulse eingesammelt. Wir freuen uns schon auf diesen besonderen Rahmen, den uns Rick Kam mit seinen Schützlingen mit den von ihm choreographierten Auftritten bereiten wird.

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Das Modeblog als Spiegel und Bühne

Die Kuratorin Mahret Kupka hat im Frankurter Museum für Angewandte Kunst die Ausstellung „Draußen im Dunkel. Weitermachen nach der Mode“ eingerichtet, die das Modethema aus einer interessanten Perspektive präsentiert. Ausgehend von der These, dass Mode beschreibt, wie der Mensch in seiner Zeit steht, werden in dieser Ausstellung vor allem Aspekte jenseits des Modekonsums gezeigt, die im Zusammenhang mit der angewandten Kunst auch für die Wahrnehmung von Mode als Handwerk sensibilisieren können. Die Ausstellung ist noch bis in den Januar hinein zu sehen und lohnt einen Abstecher nach Frankfurt.

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Flor de Maria
https://www.flordemariafashion.com/

Die Frage, was Mode heute ist und auf welche Weise wir Mode wahrnehmen bzw. auch diskutieren, ist ein wichtiger Impuls für die Arbeit der Kulturwissenschaftlerin, die für zahlreiche Zeitungen und Magazine wie Frankfurter Allgemeine Zeitung oder Texte zur Kunst schreibt. Die 33jährige promoviert derzeit an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zum Thema “Das Modeblog als Spiegel und Bühne der Selbstinszenierung”. Im Rahmen der Tagung wird sie über ihre Forschungen zu diesem Thema sprechen. Wir haben im Vorfeld einen Text von Mahret Kupka erhalten, der schon einmal einstimmt auf ihren Impulsvortrag. Wir stellen ihn gerne an dieser Stelle komplett zur Ansicht ein.  MahretKupka_Abstract

Mahret Kupka hat nicht nur die historische Entwicklung von Mode im Blick, sondern sie wendet sich der Frage zu, wie sich die Wahrnehmung derselben im Internetzeitalter verändert hat. Der Forschungsgegenstand “Modeblog” trägt dem Rechnung. Kupka schreibt: “Mode wird in diesem Zusammenhang verstanden als symbolischer Wert, der einem Kleidungsstück zugesprochen wird. Mode an sich ist formlos und inhaltsleer. Sie wird erst sichtbar in ihrer Relation zu den Dingen, die als nicht modisch gelten. Mode beschreibt die Grenze zu dem Anderen.”

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Festtagskleidung – aus einem fernen Land

Von Karin Rottmann

Eine Gruppe junger Frauen mit afrikanischem Migrationshintergrund, die sich über die Caritas-Integrationsagentur gefunden haben, sind gerade dabei, ihren Beitrag zur Tagung vorzubereiten. Sie werden ein Intermezzo als Bühnenprogramm zwischen den Vortragsblöcken zeigen und typische Festtagskleidung aus ihren Herkunftskulturen vorstellen.

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Zur Einstimmung traf sich die Gruppe, die von Rosi Loos betreut wird, mit mir in der Ausstellung „Made in Oceania“, die im Rautenstrauch-Joest-Museum noch bis zum 27.4.2014 zu sehen sein wird. Dort kann man Tapa sehen, ein textiles Material aus Rindenbast, das mit Mustern und Ornamenten bemalt und typisch für den ozeanischen Kulturraum ist. Dort haben die Stoffe ganz unterschiedliche Funktionen im Bereich des Wohnens und der Bekleidung. Ein Beispiel eines Rindenbaststoffes aus Papua (dort nennt man die Rindenbaststoffe maro) hat uns sehr beeindruckt. Neben dem Textil mit sehr schönem Doppelspiralmotiv, das heute dem Museum der Kulturen in Basel gehört, ist ein Foto zu sehen, das Paul Wirz 1926 aufgenommen hat. Man sieht die maro als Schmuck der Grabstätte. Die Trägerin des Gewandes hatte es zur Hochzeit geschenkt bekommen und, wie üblich in dieser Kultur, ihr Leben lang begleitet. „Das ist eine schöne Idee!“ „Das ist dann sehr persönlich!“ und „Das berührt mich!“ äußerten die Teilnehmerinnen.

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Ganz begeistert waren die jungen Frauen von der modernen Tapa-Mode, die in der Ausstellung auch zu sehen ist. Die heute in London lebende Designerin Rosanna Raymond hat samoanische Wurzeln und wurde in Neuseeland geboren. Sie greift in ihrer „RePATCHtration – Customised Levi’s“ westliche Modeelemente auf und kombiniert sie mit einem pazifischen Look. Darin sieht sie einen Ausdruck kultureller Identität, der Tradition und Moderne verbindet. Die Projektgruppe fand diesen Denkansatz sehr interessant und hat sich von Rosanna Raymond anregen lassen. Den Museumsbesuch ließen  wir in einer Werkstatt des Museums mit der Arbeit an Modeskizzen ausklingen.

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In den Wochen bis zur Tagung werden sich die Damen mit der Präsentation ihrer Festtagskleidung beschäftigen. Wir können gespannt sein, mit welchen Kreationen sie die Tagungsgäste überraschen werden.

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Klamottenkur von Modeprotest

Die Designerinnen Dorle Schmidt, Lenka Petzold und Annika Cornelissen verfolgen mit der Kampagne Modeprotest die Idee, den Gewohnheitskonsum von Kleidung umzustellen. Dabei setzen die Macherinnen auf Selbstbeteiligung zum Beispiel über Aktionen wie die Klamottenkur zur Fastenzeit. In einem Expertentalk auf der Tagung werden sie von ihrer Vision eines alternativen Bekleidungssystems erzählen und laden die Teilnehmenden ein, einen Wegweiser für eine Minimal-Garderobe mit ihnen zu diskutieren. Zur Vorbereitung auf den Talk haben sie uns bereits ein paar Stichworte übermittelt, die ihren Ansatz in klaren Worten charakterisieren.

IMPULS:
Die Suche nach einer Ausdrucksform für eine materiell reduziertere Modewelt um im krassen Kontrast dem medial dauerpräsenten Konzept des „Fashion-Victims“ zu entgegnen.
 
REAKTION:
Unser Anliegen ist idealistisch und radikal aber auch individuell. Wir verändern indem wir protestierend alltäglich reduzieren und weitere Menschen anstoßen sich zu beteiligen.
 
ZIEL:
Unsere Vision ist ein alternatives Bekleidungskonzept bzw. Mode-System: Kleidung wird ökologisch und fair hergestellt, man kauft nur in dem Maße, wie man es braucht und nutzt. Weniger zu konsumieren ist unser vorrangiges Ziel.

Dorle Schmidt (Projekt-Initiatorin) ist Diplom-Designerin und selbständige Kommunikationsberaterin in Köln. Sie hat lange als Beraterin im Bereich Kreation einer Kommunikationsagentur gearbeitet und sich auf den NonProfit-Sektor spezialisiert. Sie konzipiert und gestaltet Kampagnen, Fundraising-Strategien, Kommunikationsmaterialien und Events für vielfältige Organisationen und Initiativen. Zudem ist sie als Moderation von Workshops und im Aufbau und der Leitung von mehreren Vereinen (mateno.org) und Aktionen engagiert.

Lenka Petzold M.A.(Projekt-Initiatorin, SUSTAINABLE DESIGN CENTER e.V.) ist selbständige Textil- und Integrated-Designerin aus Köln und München. Sie arbeitete als Designerin im Bereich Textil und Konzeption und fokussierte sich auf die nachhaltige Textilgestaltung. Ihre Spezialgebiete sind forschungsorientierte Designbereiche und ökologisch-motivierte Projektarbeit, wo sie sich in diversen öko-fairen Projekten um organisatorische und gestalterische Fragen kümmert.

Annika Cornelissen (sufa: sustainable fashion – Stammtisch Köln), Dipl.-Ing. Modedesignerin aus Köln hat in angestellter Tätigkeit bei einem nachhaltigen Modelabel gearbeitet und sich über diverse Weiterbildungen zum Thema Nachhaltigkeit in der Modeindustrie etabliert.

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Lebensstil und Identität

Foto: Helena Wimmer

Eines der Hauptthemen des Journalisten und Buchautors Robert Misik ist die Globalisierung und ihre Auswirkungen auf gesellschaftliche Strukturen. Dabei beobachtet der Publizist durchaus auch mit Witz und Ironie Phänomene wie modische Trends und den gern zitierten Lifestyle seiner Generation. Was wir in seinem Impulsvortrag zur “Globalisierten Mode” erwarten können, hat er in einem kurzen Abstract skizziert.

Wenn wir shoppen, kaufen wir nicht nur Güter ein, wir kaufen uns vor allem einen Lebensstil zusammen. Weniger die sachliche, sondern vor allem die emotionale Seite der Waren wird nachgefragt. Moderne Gesellschaften zerfallen in Lebensstil-Gemeinschaften, deren Mitglieder sich vor allem durch die Güter unterscheiden, die sie konsumieren, durch Stil und Positionsgüter. All das gilt nicht nur für materielle Waren, sondern auch für immaterielle Erlebnisse. Die werbekritische Attitüde, dass dies den Menschen nur eingeredet und suggeriert werde, greift zu kurz. Die Konsumenten wissen über die Suggestion, und gerade deshalb fragen sie sich nach. Je wirksamer die Suggestion, desto besser das Produkt. Das verändert den Kapitalismus. Nicht nur gibt es eine Ökonomisierung der Kultur, sondern eben auch eine Kulturalisierung der Ökonomie. Doch dass wir mit den Waren, die wir konsumieren, unseren Lifestyle, unser Ich, unseren emotionalen Stil konstituieren, ist eine Erkenntnis, die durchaus etwas Erschreckendes an sich hat: Was ist denn noch “Ich” in uns, wenn der Kapitalismus unerbittlich in die engsten Nischen unseres privaten, zwischenmenschlichen und emotionalen Lebens eindringt? Wollen wir wirklich nur die Summe der von uns konsumierten “Identity Goods” sein?

Robert Misik (47) lebt in Wien. Er schreibt für eine Vielzahl deutschsprachiger Zeitungen und Zeitschriften, darunter Der Falter (Wien), Der Standard, die Berliner Zeitung, die tageszeitung, Der Freitag, Die Zeit, die Neue Zürcher Zeitung. Er betreibt den wöchentlichen Videoblog “FS Misik” und bloggt. Er wurde u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Kulturpublizistik ausgezeichnet. Er ist Autor mehrerer Bücher, etwa “Genial dagegen. Kritischen Denken von Marx bis Michael Moore”. Besonders spannend für das Thema der Tagung ist sein 2007 im Aufbau-Verlag veröffentlichtes Werk “Das Kultbuch. Glanz und Elend der Kommerzkultur.”

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Schleiergeschichten

Verhüllen und Enthüllen. Die Impulse, die von den großformatigen Fotoarbeiten der Künstlerin Sarah Westphal ausgehen, akzentuieren die Kunstwerke der Mittelalter-Abteilung des Wallraf-Richartz-Museums auf besondere Art und Weise. Nicht nur die Nahaufnahme von Stoffen und Faltungen hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Auch das subtile Spiel zwischen Abdecken und Sichtbarmachen ist faszinierend. Die auf den Fotos als Stillleben inszenierten Objekte regen die Sinne an.

schleiergeschichten

Karin Rottmann war mit einer Gruppe Frauen des muslimischen Bildungswerkes in der Ausstellung unterwegs. Für die Teilnehmerinnen war es eine spannende Erfahrung, sich mit dem Thema “Schleier” intensiver auseinanderzusetzen. Und so entstanden eine ganze Reihe persönlicher Texte dazu. Das Parallelgedicht “Avenidas”, welches der großartige Dichter Eugen Gomringer verfasst hat, wurde im kreativen Schreibprozess zu einer Blaupause, die jede der Frauen mit ihren eigenen Erfahrungen zum Thema “Verhüllen” anfüllen konnte.

Braut
Braut und Schleier
Schleier
Schleier und Schönheit

Braut
Braut und Schönheit
Braut und Schleier und Schönheit und
ein Bräutigam

in Türkisch:

gelin
gelin ve duvak
duvak
duvak ve güzellik

gelin
gelin ve güzellik
gelin ve duvak ve güzellik ve
bir damat

Auch ein berührendes Elfchen-Gedicht entstand bei dem Besuch der Mittelalter-Abteilung:

Tod
kalt Sarg
unter der Erde
es wird nicht bleiben
Sonne

Zum Abschluss kam das Museumsgraffiti wieder zum Einsatz – hier als interessante Variante zu den bekannten Feedbackmethoden. Ein Wort für die Erfahrungen, die die Teilnehmerinnen während des gemeinsamen Besuchs im Museum gemacht hatten, sollte mittels textiler Schnüre auf den Boden gelegt werden. Da verdichten sich die Gedanken, die beim Betrachten der Bilder angeregt wurden zu einer einzigen pointierten Aussage – in deutsch und in arabisch.

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Kind, wie siehst du nur aus?

Foto von Diana Weis: Simone Gilges

Wer kennt den Satz aus der Überschrift nicht?! Auch wenn man nicht der Punkszene oder einer sonstigen Subkultur anghörte, so war es doch immer schon der “Job” von jungen Heranwachsenden, sich über das Äußere von den Eltern abzusetzen. Diana Weis, studierte Theaterwissenschaftlerin und Dozentin der Modesoziologie aus Berlin, beschäftigt sich wissenschaftlich mit Mode, Schönheitsnormen, Körperbildern und Körpergestaltung als Zeitgeistphänomene. Sie schreibt für für diverse Zeitungen und Magazine und unterrichtet die Fächer Ästhetik, Modesoziologie und Körperkultur & Zeitgeist an der Universität Hamburg  sowie Modetheorie an der AMD Berlin. In Kooperation mit dem Berliner Archiv der Jugendkulturen gab Diana Weis 2012 den Band “Cool Aussehen. Mode & Jugendkulturen” heraus, in dem sich verschiedenen Autoren mit den Stil-Codes jugendlicher Subkulturen und deren Einfluss auf den modischen Mainstream befassen.

jugendmode
Foto: Diana Weis

Um schon mal einen Ausblick auf das Thema ihres Impulsvortrages zu geben, hat Diana Weis folgenden Text geschickt:

Jugendkulturen sind ästhetische Phänomene. Sie haben die explosive Wirkungsmacht der Mode intuitiv erfasst und für sich nutzbar gemacht. Die Mode des Mainstreams ist fester Bezugspunkt jugendkultureller Styles, die nicht selten als deren Antithese oder Zerrbild fungieren, wobei intuitiv radikale ästhetische Praktiken wie Dada und Surrealismus zum Einsatz kommen. Auf der anderen Seite zehrt die Mode-Industrie von der innovativen Kraft der Jugendkulturen. Kaum ein Designer zwischen Mailand und New York, dessen Entwürfe ohne ein Zitat „von der Straße“ auskommen. So werden vormals marginalisierte Jugendliche zu Trendsettern stilisiert, von deren Glaubwürdigkeit und bedingungsloser Wildheit man sich gerne etwas ausborgt. Längst sind die globalisierten Produktionswege so effektiv, dass jede noch so obskure Errungenschaft der Jugendmode bereits binnen weniger Wochen als wohlfeile Massenware erhältlich ist. Die Tendenz zur Ausdifferenzierung in verschiedene Style Tribes, welche sich durch die Her- und Zurichtung des Körpers optisch auf den ersten Blick als „Interessengemeinschaft“ zu erkennen geben, fand über die Jugendkulturen Eingang in die Gesamtbevölkerung und lässt sich mittlerweile in fast allen Alters- und Einkommensgruppen beobachten. Die grundsätzliche Verhandelbarkeit von Identität ist in allen Jugendkulturen angelegt und trägt zu deren Anziehungskraft bei.

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